Der "Vogel des Jahres" ist üblicherweise selten, schutzbedürftig und sympathisch: So war’s vom Uhu über den Weißstorch, Turmfalken und Kuckuck bis zum Eisvogel. Dann kürten der Naturschutzbund Nabu und Bayerns Landesbund für Vogelschutz (LBV) den Kormoran zum Vogel des Jahres 2010.

Von dem kann keiner behaupten, dass er selten sei. Und kein anderes Tier ist seit Jahren so heftig umstritten wie der Kormoran. Er fresse ganze Gewässer leer, schimpfen Angler, Teichwirte und Berufsfischer. Der überzogene Schutz des Vogels bedrohe nicht nur ihre Existenz, sondern auch die seltener Wildfische. Vogelschützer kontern, der Kormoran hole sich nur seinen gerechten Anteil und gehöre zur intakten Umwelt – das Wiedererstarken der Bestände sei eine beispiellose Erfolgsgeschichte des Artenschutzes.

Der Streit reicht allerdings tiefer, es geht um einen Grundsatzkonflikt zwischen Naturnützern und -schützern. Einst verfemte und fast ausgerottete Räuber kehren zurück: Falken und Adler, Otter und Reiher, Luchs und Wolf, Naturschutz sei Dank. Die Kehrseite: Wer heute Jungfische oder Küken unter freiem Himmel großziehen will, füttert oft nur Füchse, Marder, Greifvögel. Zusätzlich erbeuten die Räuber den Nachwuchs gefährdeter Arten.

Entsprechend verhärtet sind die Fronten um den Phalacrocorax (den "kahlköpfigen Raben"), wie der Kormoran wissenschaftlich heißt. Angler ätzen in ihren Foren "Nur ein toter Kormoran ist ein guter Kormoran", ihr Verband unterstellt dem Nabu mangelnde Demokratiefähigkeit, in Briefkästen von Vogelschützern landen tote Aale. Der Nabu-Präsident wiederum bescheinigt den Anglern vorsintflutliches Denken. Führende Funktionäre identifizieren sich mit Haut und Haar: "Wir sind Kormoran!".

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Als Nahrungskonkurrenten waren Kormorane nie gern gesehen. Im 19. Jahrhundert begann die massive Verfolgung. Alfred Brehm hetzte, im Binnenland seien "sie nicht zu dulden, weil sie dem Fischstande unserer Fluß- und Landseen unberechenbaren Schaden zufügen". Preußen, Brandenburg und Dänemark setzten Militär gegen die Vögel ein. Etwa um 1900 galten sie in Deutschland und Dänemark als ausgerottet, in Holland und Polen überlebten Restbestände.

Anfang der siebziger Jahre wurden sie in Deutschland unter Schutz gestellt, 1979 europaweit. Heute brüten in Deutschland wieder 25.000 Paare. Die Gesamtzahl hier lebender Kormorane ist weit höher, da sie sich erst mit drei bis fünf Jahren fortpflanzen. Hinzu kommen durchziehende Vögel im Herbst und Wintergäste. In Europa schnellte die Zahl der Kormorane von etwa 100.000 Mitte der achtziger Jahre auf inzwischen über zwei Millionen hoch. Sie besiedeln Länder, in denen sie früher nie vorkamen, wie Litauen, Slowenien, Finnland.

Diese wohl erfolgreichste Artenschutzmaßnahme vergangener Jahrzehnte hat allerdings Folgen. Denn ein Kormoran frisst täglich etwa 500 Gramm Fisch. Das summiert sich in Europa auf jährlich über 360.000 Tonnen. In Deutschland vertilgen die Wasserraben jedes Jahr ungefähr 15.000 Tonnen Rotaugen, Forellen & Co. Zum Vergleich: Berufsfischer ernten in hiesigen Seen und Flüssen pro Jahr etwa 5000 bis 7000 Tonnen Speisefisch.