Ein neuer Autor und das alte, totgesagte Thema: Krieg. Während die Politiker das Wort, als wäre es ein Exkrement, nicht in den Mund nehmen wollen, erleiden Soldaten in Afghanistan dessen Realität: Angst, Gefahr, Verletzung, Panik, Tod – und fügen zugleich den Einheimischen dies alles zu, Widersinn eines Friedenseinsatzes. Die Katastrophe von Kundus ist zum Sündenfall der deutschen Politik geworden. Junge Leute kehren zu uns zurück (wenn sie zurückkehren), kennen unser Land nicht wieder, sind selbst nicht wiederzuerkennen.

Von einem Kriegstrauma handelt auch der Erstlingsroman des vierzigjährigen Autors Joachim Geil, der damit die (Ver-)Stimmungslage der Nation aufzugreifen scheint. Aber nicht Afghanistan ist der Hintergrund des Buches, sondern noch einmal der Größenwahnsinnskrieg Hitlers, unser aller besinnungslos bejahter "totaler Krieg". Nur dass uns seit Kundus, seit den verlorenen Jahren am Hindukusch, die Weltzerstörung von einst wieder nähergerückt scheint, die überwunden geglaubte Traumatisierung wieder aufbricht, das Unvorstellbare wieder vorstellbar wird. In diesem Klima hat der Titel des Buches, Heimaturlaub, eine fast rabiate Resonanz.

Ein Schicksal, zwischen ein paar authentische Postkarten gespannt, die der Verfasser in alten Koffern seiner pfälzischen Verwandtschaft gefunden haben will. Da bedankt sich ein Zwanzigjähriger beglückt für einen Ferienaufenthalt, kurz vor Kriegsausbruch, im Jahr 1939; da kündigt er sich, fünf Jahre später, auf Verletzungsurlaub, noch einmal in der Pfalz an und meldet sich im Sommer 1944 zurück an die Front, ist noch besorgt wegen unklarer Feldpostnummern und wenige Tage später tot. Diesen knappen Lebenszeichen schenkt Geil, der schon Kurzgeschichten und Drehbücher geschrieben hat, nun ein wenig Alltagsdauer. Aus dem kleinen Stapel Kartons formt er eine Gestalt, spendiert dem 24-jährigen Leutnant Dieter Thomas eine achttägige Idylle im "Luftkurort Bergzabern", wo man vom Krieg wenig weiß und von Niederlage erst recht nichts wissen will.

Freudiges Wiedersehen mit vertrauten geliebten Tanten und weniger geliebten Onkeln, mit anhänglichen kleinen Nichten, die den heldenhaften Besucher tagtäglich ins Schwimmbad locken. Der Urlauber scheint sich wohlzufühlen, sagt gern "Ich freu mich so" und "Prima". Was man halt so sagt, wenn man dem Frieden, der einen umgibt, eigentlich nicht trauen darf. Denn da gibt es auch einen Großvater, der im Sterben liegt, tagelang nicht zu sprechen ist. Als er den Enkel dann doch zu sich ruft, schockiert er ihn mit defaitistischen Sätzen von der "Armee des Teufels", für die der Soldat kämpfe.

Aber zum Glück (oder Unglück) wartet da auch noch Heidi, die Spielkameradin aus Kinderzeiten, die Jugendfreundin, die inzwischen nicht nur zu einer jungen Dame, sondern auch zu einer stramm überzeugten BDM-Maid herangewachsen ist unter dem Regiment ihres Vaters, eines adligen Majors aus einem älteren Krieg. Ein Tanzabend mit Heidi liegt nicht weit zurück und dem jungen Leutnant noch in den Gliedern. "Er wird sie auch diesmal treffen, ganz gewiß. O Gott, er wird sie auch diesmal treffen. Eine Woche Zeit, da wird er sie doch wohl treffen. Natürlich." Sätze des Begehrens, aber auch Anzeichen für die Intensität, mit der sich der Autor in seine Figur hineinzuarbeiten beginnt.

Der innere Monolog hat ja seine ruhmreichen Zeiten hinter sich, aber so, als momentane Beatmung einer fiktiven Gestalt, bekommt er einen coolen Reiz. Man spürt, dass der Autor seine Geschichte nicht nur erzählen, sondern mit dem Helden erleben und durch Hautnähe die Geschichte überhaupt erst verstehen lernen will, an die er sich gewagt hat. Denn dieser Leutnant Thomas ist nicht nur mit einem Koffer gekommen und mit seiner "Stelle", einer Verletzung am Bein, sondern auch mit einer großen, unsichtbaren Last, mit einer grausigen Schuld und einer noch monströseren Verstörung. Die sich plötzlich als lähmendes schockartiges Trauma erweisen, als er Heidi umarmen will: Das ersehnte Rendezvous mit der schönen Blonden misslingt aufs Peinlichste.