Ordnung und altes Leid

Dem Leser gegenüber ist es ein wenig unfair. Aber über den neuen Roman von Harriet Köhler kann man nur sprechen, wenn man ein paar seiner Geheimnisse, vor allem aber sein Ende ausplaudert. Es ist ein Happy End. Eine Aussöhnung zwischen Vätern und Söhnen, zwischen drei Männern aus drei Generationen. Nun beruhen Aussöhnungen auf Symmetrie, auf dem, wenn man so will, Buchhaltungsprinzip der ausgeglichenen Summe. Und ebendies, einen etwas buchhalterischen Zug, eine erstaunliche Liebe zur arithmetischen Ordnung menschlicher und historischer Verhältnisse, besitzt der ganze Roman. Was man von seinem Ende her noch etwas deutlicher sieht.

Das klingt furchtbar abstrakt. So schreibt die 1977 geborene Harriet Köhler, die hier, nach ihrem Debüt Ostersonntag ihren zweiten Roman mit dem Titel Und dann diese Stille vorlegt, tatsächlich nicht. So liest sich nicht ihr Buch und schon gar nicht dessen schöne Schlussszene. Da begeben sich zwei Männer, der Mittdreißiger Nicki, von Beruf Geräuschdesigner, und sein Vater Jürgen, der schon in Rente ist und auf die siebzig zugeht, an eine der konkretesten aller Arbeiten. Ans Fensterputzen. "Okay, sagte Nicki, der mit einem Schlag wusste, was zu tun war. Also, pass auf, ich fang hier in der Küche an, du im Bad. Sie sahen sich an, und mit einem Mal wurde Nicki ganz warm. Nein, schüttelte Jürgen den Kopf. Nein. Als Erstes sollten wir uns an die Fenster machen. Schau hin, sagte er und zeigte nach draußen, wo die Sonne schien."

Licht, Wärme, intuitive Nähe, selbstverständliches Handeln: In der Putzaktion der beiden Männer kommt eine sechs Jahrzehnte lang problematische, ja traumatische Familiengeschichte endlich zur Ruhe. Eine geradezu urdeutsche, von der deutschsprachigen Literatur intensivst bearbeitete Familiengeschichte.

Die Reihe der Romane und Erzählungen, die die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs kurzschließen mit familiären Katastrophen der Nachkriegszeit, geht längst ins Unüberschaubare. Genannt sei nur als ein Beispiel von vielen Julia Francks Mittagsfrau. Es sind Romane, die von einer Störung ausgehen, an der die Töchter, Söhne, Enkel der Kriegsgeneration laborieren, und die in der Vergangenheit nach jenem Datum, jenem Drama suchen, das verantwortlich ist für den genealogischen Staffellauf seelischer Nöte und Schieflagen. Für die, so könnte man sie nennen, DNA des Kriegssymptoms.

Exakt diesem Verkettungsmuster folgt auch Harriet Köhler. Sohn Nicki, Vater Jürgen und der 95-jährige Großvater Walther unterscheiden sich zwar in Temperament und Wesen. Bedeutsamer jedoch ist: Es handelt sich um drei Beschädigte mit mehr oder weniger identischen Beschädigungsmerkmalen. Einer erklärt sich aus dem anderen. Die Krankheit aber, die sie teilen, die Männerkrankheit namens Schweigen, brachte Walther aus dem Zweiten Weltkrieg und aus zehnjähriger russischer Kriegsgefangenschaft mit. Als er in den fünfziger Jahren heimkehrte, lernte er Jürgen als fast schon pubertierenden Sohn kennen, der ihm immer fremd blieb. Als Jürgen später heiratete, wählte er die falsche Frau und blieb, nachdem sie ihn verlassen hatte, ein verschlossener, verdruckster Einzelgänger, fremdelnd gegenüber dem eigenen Sohn Nicki. Als dieser, eine Generation weiter, nach vielen Kurzaffären die Krankenhausärztin Ruth trifft, eine Frau, die er lieben kann und will, bedroht er die Liebe mit Verstummung in jenen Momenten, in denen es nicht auf die hundertste formelhafte Liebeserklärung ankäme, sondern auf echte Entblößung.

Er sitzt, im Jahr 2007 oder 2008, also heute, an der Bartheke und antwortet auf Ruths Fragen, wie es mit dem gebrechlichen Walther und dem auch nicht mehr ganz rüstigen Jürgen eigentlich weitergehen soll und was überhaupt mit ihm und seiner Familie los sei: nichts. Er stiert über die Theke, als sei da gar keine Frau, die ihn kennen will. Und eine kerzengerade Interpretationslinie führt von diesem Moment durch sechs Jahrzehnte zurück zu dem Moment, als sich der Großvater nach der Heimkehr aus der Kriegsgefangenschaft zum ersten Mal wieder nachts neben seine Frau Grethe legte. Sie sprachen: nichts. Er erzählte ihr nicht das Schlimmste. Sie erzählte ihm nicht das Schlimmste. Sie schlossen einen Schweigepakt, der bis zu Grethes Tod hielt, mit dem die Romanhandlung einsetzt. Ein Pakt, der drei Generationen ans Schweigen nagelt.

 

Harriet Köhlers Roman ist sehr ernst, sehr konzentriert, und er ist stilsicher. Er verrät die Handschrift einer Autorin, die in disziplinierter Weise sowohl mit Emotionen umgeht als auch mit Stilmitteln. Sie könnte alle fünf Sätze eine herausragende Metapher platzieren und tut es nur alle fünf Seiten. Sie setzt den Efeu, der die Außenwände von Walthers Haus erdrückt, behutsam als Allegorie des Seelenpanzers ein. Sie entwirft ihr halbes Dutzend Romanfiguren als höchst lebendige Charaktere: den grantigen Patron Walther, den verqueren Jürgen, den rationalistischen, verwischten Nicki samt ihren Frauen Grethe und Ruth. Selbst Colette, Jürgens flatterhafte französische Exfrau, die nur am Rand vorkommt, steht mit ein paar Bemerkungen plastisch auf der Bühne. Das alles sind unbestreitbar große literarische Qualitäten. Aber eine Eigenschaft, die den Roman mindestens ebenso stark prägt, ist heikel: Er tendiert zum Mechanistischen. Und nähert sich so der Grenze zum Kolportagehaften.

Dies betrifft insbesondere jenes eisern gehütete Familiengeheimnis, das der Roman lange umflüstert. Jenes verschwiegene Drama, aus dem sich das Familienleiden erklärt. Es handelt sich, und das ist der springende Punkt, um ein Doppeldrama, um zwei Geheimnisse: Nie hat Grethe ihrem Mann erzählt, dass sie im eigenen Schlafzimmer von vier russischen Soldaten vergewaltigt wurde. Nie hat Walther seiner Frau erzählt, dass er sich im Krieg in einem Soldatenbordell über ein russisches Mädchen hergemacht hat. Die empirische Wahrscheinlichkeit, dass sich deutsche Ehepaare der Kriegsgeneration in dieser entsetzlichen spiegelbildlichen Opfer-Täter-Konstellation befunden haben, ist ja tatsächlich recht hoch. Ihr literarischer Erkenntnisgewinn ist aber eher klein. Ihm steht das allzu ausgewogene, allzu respektvolle, auf Symmetrie bedachte Sortieren von Schuld und Gegenschuld ganz einfach im Weg.

Was für den Geschichtsunterricht der gymnasialen Mittelstufe angemessen ist, kann nicht der Maßstab eines auf die Gegenwart zielenden und von einer 33-jährigen Schriftstellerin verfassten Romans sein, die spürbar das Zeug dazu hat, jenen Überschuss an Eigensinn, Imagination und Schmiss zu entwickeln, der über die Perspektive Guido-Knopp-artiger historischer Überschaubarkeit hinausgeht. Man fragt sich nicht nur, warum Harriet Köhler diese Perspektive einnimmt. Man fragt sich unwillkürlich auch, ob nicht das ganze Schnittmuster solcher Familiengeschichten in einen etwas abgewetzten Zustand geraten ist, der es den entsprechenden Prosawerken leicht macht, als Stangenware zu enden.

In diese Kategorie gehört der Roman Und dann diese Stille nicht. Denn glücklicherweise lässt Harriet Köhler ihrer Fantasie beim Szenario der in der Jetztzeit spielenden Haupthandlung freie Hand. Und dieses Szenario hat es in sich. Es ist berührend und anarchisch, überraschend und insgesamt ziemlich tragikomisch. Nachdem Grethe gestorben und Walther mit seinen 95 Jahren allein ist, nimmt Jürgen mit seinen 67 Jahren im Haushalt des Greises die Rolle der Hausfrau, des Pflegers, des getretenen Hundes, vor allem aber die des alten Kindes ein, das in den letzten Tagen, die dem Vater noch bleiben, nichts anderes will als bitter vermisste Nähe und nichts unversucht lässt, um sie dem sperrigen Alten zu entlocken. Ein grandioser Zweikampf unter Senioren, die sich benehmen wie im Sandkasten. Auf dem Höhepunkt des Spektakels wirft Walther eine mit Urin gefüllte Pinkelflasche quer durchs Schlafzimmer nach Jürgen. Die Szene überbietet mit einem Fingerschnipsen jeden Leitartikel, jedes Referat zum Thema überalterte Gesellschaft. Wer weiß, welche Qual es bedeuten kann, enge Freunde oder gar die Geliebte dem Antrittsbesuch bei Eltern und Großeltern auszuliefern, schwitzt beim Lesen mit, wenn Nicki sich im Leihwagen mit Ruth dem Haus nähert, in dem Walther und Jürgen ihre schräge, aggressiv getönte Altherrenwohngemeinschaft aufführen. Da ist jede Bewegung spannend, blitzt jeder Dialogsatz, sind sämtliche Beteiligten so bedauerns- wie bewundernswert, so lächerlich wie heroisch.

Man könnte den gesamten Stoff, den Harriet Köhler hier aufbietet, grob in zwei Themen einteilen. Das eine betrifft die Vergangenheit und heißt: die Unfähigkeit zu trauern. Das andere betrifft das Heute und heißt: die Schwierigkeit, dem Familiären eine Form zu geben, die stabil genug ist, Alter, Gebrechlichkeit, Tod zu tragen. Das erste Thema besitzt im Fall dieses Romans den Nachteil, dass es um einiges älter ist als die Autorin und sie es sich mit Hingabe und Fleiß, aber wie eine Lektion zu eigen macht. Dem zweiten Thema schaut sie frisch und unverstellt ins Auge. Gut für die Literatur, die an Vergangenheitsstoffen keinen nennenswerten Mangel hat. Und Gegenwartsstoffe gut gebrauchen kann.