Harriet Köhlers Roman ist sehr ernst, sehr konzentriert, und er ist stilsicher. Er verrät die Handschrift einer Autorin, die in disziplinierter Weise sowohl mit Emotionen umgeht als auch mit Stilmitteln. Sie könnte alle fünf Sätze eine herausragende Metapher platzieren und tut es nur alle fünf Seiten. Sie setzt den Efeu, der die Außenwände von Walthers Haus erdrückt, behutsam als Allegorie des Seelenpanzers ein. Sie entwirft ihr halbes Dutzend Romanfiguren als höchst lebendige Charaktere: den grantigen Patron Walther, den verqueren Jürgen, den rationalistischen, verwischten Nicki samt ihren Frauen Grethe und Ruth. Selbst Colette, Jürgens flatterhafte französische Exfrau, die nur am Rand vorkommt, steht mit ein paar Bemerkungen plastisch auf der Bühne. Das alles sind unbestreitbar große literarische Qualitäten. Aber eine Eigenschaft, die den Roman mindestens ebenso stark prägt, ist heikel: Er tendiert zum Mechanistischen. Und nähert sich so der Grenze zum Kolportagehaften.

Dies betrifft insbesondere jenes eisern gehütete Familiengeheimnis, das der Roman lange umflüstert. Jenes verschwiegene Drama, aus dem sich das Familienleiden erklärt. Es handelt sich, und das ist der springende Punkt, um ein Doppeldrama, um zwei Geheimnisse: Nie hat Grethe ihrem Mann erzählt, dass sie im eigenen Schlafzimmer von vier russischen Soldaten vergewaltigt wurde. Nie hat Walther seiner Frau erzählt, dass er sich im Krieg in einem Soldatenbordell über ein russisches Mädchen hergemacht hat. Die empirische Wahrscheinlichkeit, dass sich deutsche Ehepaare der Kriegsgeneration in dieser entsetzlichen spiegelbildlichen Opfer-Täter-Konstellation befunden haben, ist ja tatsächlich recht hoch. Ihr literarischer Erkenntnisgewinn ist aber eher klein. Ihm steht das allzu ausgewogene, allzu respektvolle, auf Symmetrie bedachte Sortieren von Schuld und Gegenschuld ganz einfach im Weg.

Was für den Geschichtsunterricht der gymnasialen Mittelstufe angemessen ist, kann nicht der Maßstab eines auf die Gegenwart zielenden und von einer 33-jährigen Schriftstellerin verfassten Romans sein, die spürbar das Zeug dazu hat, jenen Überschuss an Eigensinn, Imagination und Schmiss zu entwickeln, der über die Perspektive Guido-Knopp-artiger historischer Überschaubarkeit hinausgeht. Man fragt sich nicht nur, warum Harriet Köhler diese Perspektive einnimmt. Man fragt sich unwillkürlich auch, ob nicht das ganze Schnittmuster solcher Familiengeschichten in einen etwas abgewetzten Zustand geraten ist, der es den entsprechenden Prosawerken leicht macht, als Stangenware zu enden.

In diese Kategorie gehört der Roman Und dann diese Stille nicht. Denn glücklicherweise lässt Harriet Köhler ihrer Fantasie beim Szenario der in der Jetztzeit spielenden Haupthandlung freie Hand. Und dieses Szenario hat es in sich. Es ist berührend und anarchisch, überraschend und insgesamt ziemlich tragikomisch. Nachdem Grethe gestorben und Walther mit seinen 95 Jahren allein ist, nimmt Jürgen mit seinen 67 Jahren im Haushalt des Greises die Rolle der Hausfrau, des Pflegers, des getretenen Hundes, vor allem aber die des alten Kindes ein, das in den letzten Tagen, die dem Vater noch bleiben, nichts anderes will als bitter vermisste Nähe und nichts unversucht lässt, um sie dem sperrigen Alten zu entlocken. Ein grandioser Zweikampf unter Senioren, die sich benehmen wie im Sandkasten. Auf dem Höhepunkt des Spektakels wirft Walther eine mit Urin gefüllte Pinkelflasche quer durchs Schlafzimmer nach Jürgen. Die Szene überbietet mit einem Fingerschnipsen jeden Leitartikel, jedes Referat zum Thema überalterte Gesellschaft. Wer weiß, welche Qual es bedeuten kann, enge Freunde oder gar die Geliebte dem Antrittsbesuch bei Eltern und Großeltern auszuliefern, schwitzt beim Lesen mit, wenn Nicki sich im Leihwagen mit Ruth dem Haus nähert, in dem Walther und Jürgen ihre schräge, aggressiv getönte Altherrenwohngemeinschaft aufführen. Da ist jede Bewegung spannend, blitzt jeder Dialogsatz, sind sämtliche Beteiligten so bedauerns- wie bewundernswert, so lächerlich wie heroisch.

Man könnte den gesamten Stoff, den Harriet Köhler hier aufbietet, grob in zwei Themen einteilen. Das eine betrifft die Vergangenheit und heißt: die Unfähigkeit zu trauern. Das andere betrifft das Heute und heißt: die Schwierigkeit, dem Familiären eine Form zu geben, die stabil genug ist, Alter, Gebrechlichkeit, Tod zu tragen. Das erste Thema besitzt im Fall dieses Romans den Nachteil, dass es um einiges älter ist als die Autorin und sie es sich mit Hingabe und Fleiß, aber wie eine Lektion zu eigen macht. Dem zweiten Thema schaut sie frisch und unverstellt ins Auge. Gut für die Literatur, die an Vergangenheitsstoffen keinen nennenswerten Mangel hat. Und Gegenwartsstoffe gut gebrauchen kann.