Der Himmel verdüstert sich langsam. B-52-Bomber werfen kleine, braune Flaschen mit rotem Etikett ab. "Everything changed, the good times were over", heißt es. Coca-Cola wird nicht genannt. Aber man weiß schon. Antiimperialimus, Kapitalismus- und Globalisierungskritik, alles aus der Flasche, das kommt an bei der kreativen Klasse in Kreuzberg, Mitte und Friedrichshain. Dort, wo die Meinungsmacher sitzen und trinken, muss van Velzens Brause hin, Bezirk für Bezirk wird "wostokisiert", Stadt für Stadt, mit seinem Ford Fiesta und 18 Kisten auf dem Rücksitz, Guerilla-Marketing eben.

Van Velzen hat seine Lektionen gelernt – und vielleicht auch das Buch von Bettina Weiguny gelesen: Bionade – eine Limo verändert die Welt.

Denn Sprudel-Geschäftserfolge sind ja nichts Neues mehr in Deutschland. Weiguny hat die Geschichte schon einmal aufgeschrieben, als herziges Underdog-Rührstück über Helden aus der Provinz, über eine vom Konkurs bedrohte Familienbrauerei aus der Rhön, die irgendwann eher aus Verzweiflung als aus Kalkül der wahnwitzigen Idee einer Volksbrause verfiel, Banken, Bürokraten und Getränkeriesen trotzte, sich denverclanartig zerstritt – und ein Kultgetränk namens Bionade auf den Markt brachte, trotz Pannen, Pech, Starrsinn und Größenwahn.

Legenden braucht, wer Limonade verkaufen will. Bionade hat seinen tüftelnden Miraculix, den Brauer Leipold, der im Badezimmer mit Mikroorganismen experimentiert. Van Velzen hat wieder einmal genau hingeschaut und die mittlerweile über 70-jährige Russin Leontjewna ausgegraben, die "ab und zu reinkommt ins Institut und im weißen Kittel an einem neuen, schrägeren Geschmack" für ihn bastelt. Natürlich könnte er die Brausebasis auch ganz einfach beim Geschmacksstofflieferanten Döhler bestellen, aber van Velzen sagt, das sei nicht so. Bald will er sich wieder mit der Leontjewna treffen, schnüffeln und probieren. Etwas mit Hagebutte oder Birke, auch Früchte kann er sich vorstellen, einen natürlicheren Geschmack als Wostok.

Wie gesagt, noch fängt van Velzen erst an, er hat bisher 50.000 Flaschen befüllt, der Bionade mit ihren rund 150 Millionen Flaschen im Jahr macht er noch keine Konkurrenz.

Von der Erfolgssaga der Unterfranken kann man noch etwas anders lernen: Am Ende gehört David manchmal Goliath, in diesem Fall gehört Bionade heute Oetker, zu 70 Prozent. Bionade gibt es bei Ikea, McDonald’s, Starbucks, der Bahn, im Supermarkt.

Das Allerweltsgetränk, das 2008 um 30 Prozent teurer geworden ist, hat seinen Anfangscharme verloren. Der Marktführer der Naturlimonaden in Deutschland hat Nachahmer zäh weggebissen, mit Klagen und Prozessen überzogen, wirkt längst nicht mehr lässig, hat aber gezeigt, wie es gehen kann: Aus Zuckerwasser, Kohlensäure und Geschmack mach ganz viel Geld, 2008 immerhin 60 Millionen Euro Umsatz.

Nur: "Man kann die Getränkeindustrie nicht zweimal im Jahr neu erfinden", sagt Tim Beerens, Verbandssprecher der deutschen Wirtschaftsvereinigung Alkoholfreie Getränke. Rund 120 Brause-Innovationen kommen jährlich auf den deutschen Markt. Es ist ein Geschäftsmodell für Goldgräber: Nur einige wenige werden reich. Die wenigsten schaffen es, denn Händler und Verbraucher sind konservativ. Bei den meisten Limonadekunden bricht, früher oder später, die Gewohnheit heraus. First mover am Limonadenregal sind ein überschaubares Häuflein.

Aber groß genug. Die Szene dürstet Sommer für Sommer, in den Strandbars und Straßencafés der Republik, nach neuen Erfrischungsgetränken. Und immer wieder finden sich Unternehmer, die ihr Glück versuchen. Wer sich mit Bionade schämte, als sie zum Lebensgefühl einer Generation erklärt wurde, griff zur Hackerbrause Club-Mate (mit Mate-Tee) der Brauerei Loscher, zu LemonAid (hilft Bauern – Limetten kommen aus Brasilien, Zucker aus Paraguay – und zwei Jungunternehmern aus dem Hamburger Karoviertel) oder zum Retro-Trunk Almdudler. Auch diese Welle ist ausgeplätschert.

Quitte, Kiwi, Kaktusfeige steckten in den nächsten Flaschen. Jetzt kommen Tanne, Chili-Cola und Johannisbitter, Sutherlandia aus München, mit bitteren Blättern vom, ja, vom Strauch südafrikanischer Ballonerbsen. Was im Übrigen auch egal ist. Was zählt, ist die Lässigkeit der Werber.