Wenn ich in eine gestylte Wohnung komme, erschrecke ich. Unter einer gestylten Wohnung verstehe ich, dass alle Details aufeinander abgestimmt sind, alles passt zu allem. Jedes Möbelstück und jeder Gegenstand entspricht den heutigen Vorstellungen von Schönheit und gelungenem Design. Stilwille ist erkennbar und ein guter Geschmack.

Im Jahr 1995 starben, kurz nacheinander, meine Großeltern. Jeder von uns Überlebenden nahm aus ihrer Wohnung einige Erinnerungsstücke mit. Mein Großvater und ich hatten dieselbe Kleidergröße. Also nahm ich, neben anderen Dingen, seinen Bademantel, der sehr blau war. Der Bademantel ist ein Geschenk meiner Mutter an ihn gewesen, ein gutes Stück, nicht billig, wie man sagt. Er selbst hätte sich so etwas niemals geleistet. Ich sehe ihn vor mir, wie er in diesem Mantel am Küchentisch sitzt, einen heruntergebrannten Zigarettenstummel im Mundwinkel, und irgendwas repariert, vielleicht ein Vogelhäuschen. Das ist nun seit 15 Jahren der Bademantel, den ich trage. Hin und wieder tragen ihn auch andere Menschen. Er sieht nicht mehr schön aus, das Frottee ist abgewetzt, er hat Löcher und am Kragen einen Riss, der dringend repariert werden müsste. Inzwischen benutze ich ihn nur noch zu Hause, für das Schwimmbad habe ich einen zweiten Mantel, in Weiß. Ich kann den blauen Mantel nicht wegwerfen. Lieber lasse ich die Löcher stopfen, wieder und wieder.

Vor ein paar Wochen habe ich ein altes Buffet, etwa 1910, in das Sommerhaus transportiert. Es hat meinen Urgroßeltern gehört und seit meiner Studentenzeit in allen Wohnungen gestanden, in denen ich lebte. Es ist nicht hässlich. Aber ich würde mir so etwas garantiert niemals kaufen, eigentlich gefällt mir der Stil dieser Zeit nicht sonderlich. Das Buffet erinnert mich auch nicht an meine Urgroßeltern, die ich nie kennengelernt habe. Es war halt einfach nur immer da. Es hat eine Geschichte, die meine Geschichte ist. Das gefällt mir.

Neben meinem Schreibtisch stehen Plastikfigürchen aus alten Überraschungseiern, Ästhetik: Note Sechs minus. Mein Sohn hat das mit klebrigen Fingerchen zusammengebastelt, als er klein war. In meinem Schrank liegt ein hässlicher Schal, den eine Freundin, ich glaube, während des Krimkrieges, für mich gestrickt hat, in meinen Blumenkästen wächst Farn aus unserem alten Garten, den es lange nicht mehr gibt. Ein altes, löchriges, verschlissenes T-Shirt, blassgrün, trage ich ungefähr einmal im Jahr, weil ich es in all meinen Urlauben getragen habe. Was ist das? Aberglaube? Nicht loslassen können? Sentimentalität? Typisch Mann? Manchmal werfe ich, gegen innere Widerstände, etwas weg, das grüne TShirt ist gefährdet. Manchmal kaufe ich etwas Neues, nach meinem Geschmack, der sich alle paar Jahre ändert.

Also, ich passe schon auf, dass die Wohnung nicht zu einem Museum wird. Sie ist eher – das klingt jetzt leider ein bisschen nach Paulo Coelho – ein Baum mit Jahresringen. Es steht billiges Zeug darin, aus der Zeit, in der ich sehr wenig Geld hatte, an die ich mich aber gerne erinnere, neben geerbtem Zeug, teurem Zeug und geschenktem Zeug. Wenn ich etwas brauche, überlege ich als Erstes, ob ich nicht eine Leiche im Keller habe, einen toten Gegenstand, dem ich ein zweites Leben schenken könnte. Ja, ich finde, die Dinge leben. Magisch und irgendwie.

Deshalb erschrecke ich, wenn ich in eine gestylte Wohnung komme, in die totale Gegenwart. Ich frage mich dann, was aus dem Bademantel des Großvaters dieses Menschen wohl geworden ist.

Guter Geschmack? Nicht so mein Ding.

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