Die grüne Hölle von Chamarel fordert ihren Tribut nach elf Kilometern. Nie hat man mich bisher in den sechs Jahrzehnten meines Radfahrerdaseins ein Fahrrad bergauf schieben sehen. Jetzt aber ist der Moment der Schande da. Ich steige ab.

15 Prozent Steigung, Kehre auf Kehre, kein Ende in Sicht. Selbst der kleinste Gang hilft nicht mehr. Die Beine, die Arme, der Kreislauf. Die feuchte Tropenluft macht das Atmen schwer. Der Kopf will platzen, weil die Sonne auf den Sturzhelm knallt. Ich bin doch nicht lebensmüde!

Cyclotourismus auf Mauritius – das habe ich mir anders vorgestellt. Die Insel im Indischen Ozean, 900 Kilometer östlich von Madagaskar, verband ich eher mit Vorstellungen vom angenehmen Leben. Blaue Lagunen, weiße Strände, exotische Leibesfreuden. Radwandern sollte da doch wohl eine lockere Tour unter Palmen sein, von Beach-Hotel zu Beach-Hotel. Vielleicht Ausfahrten in den Tropenwald. Begegnungen mit fremder Kultur und schönen Kreolinnen. Stattdessen bekam ich es mit Eddy Merckx zu tun. Der Name des fünffachen Tour-de-France-Gewinners war gleich mittags gefallen, als ich nach elfstündigem Flug im Fahrradladen Fit for Life der Provinzhauptstadt Bambous mein Rad übernahm: statt des erwarteten Trekkingvelos eine Rennmaschine erster Güte. Der Altchampion sei vor zwei Wochen auf der Insel gewesen und habe die Touren gemacht, die auch für mich vorgesehen seien, hatte mir Carol erzählt, der mein "Cycloguide" sein sollte.

Die Abfahrt verwandelt die grüne Hölle in einen grünen Rausch

Cyclotourismus ist wohl ein Begriff, der Raum für interkulturelle Missverständnisse lässt. Der Verdacht, nicht ganz auf dem richtigen Trip zu sein, bestätigte sich, als Carol nachmittags am Hotel vorfuhr. Der freundliche Chinese aus dem Fahrradladen, der gelegentlich in München lebt und deshalb ein putziges Deutsch spricht, hatte sich in einen sehr engagiert wirkenden Menschen verwandelt, der einen dieser bunten Wurstpellenanzüge trug, mit denen auch Rennradler auf der Hamburger Elbchaussee Ehrgeiz signalisieren. "RV Sturmvogel" stand auf dem Trikot. "Ist mein Verein", sagte Carol, "ich bin der Trainer, wir gehen mit der Mannschaft oft in die Alpen. Aber wirkliche Berge sind das dort nicht."

Zum "Warmfahren" hatte er uns eine 70-Kilometer-Schleife mit 720 Höhenmetern von der Halbinsel Le Morne in Richtung Chamarel ausgesucht. Nach 200 Höhenmetern ist klar, was der Sportsfreund unter wirklichen Bergen versteht. Diesen hier, an dem ich mich schweißnass und ausgepumpt auf ein Mäuerchen am Straßenrand setze. Und jene in der Ferne, die ich jetzt in Ruhe betrachten kann, weil ich nicht mehr nur auf den verdammten Asphalt unter dem Vorderrad stieren muss. Aus dem strotzenden Grün von Bambusdickichten, Zuckerrohrfeldern und Palmenwäldern unter uns ragen Reihen schroffer schwarzer Gipfel in den Himmel, deren eigenwillige Silhouetten ihnen Namen wie "der Löwe", "der Daumen" oder "die drei Brüste" eingetragen haben. Links unter gleißendem Licht der Indische Ozean, gischtgezierte Riffe vor der Küste, smaragdgrüne Lagunen – eine schöne Landschaft eigentlich, wenn man Muße hat, sie zu genießen.

Das Naturschutzgebiet Ferney Valley gehört zu den letzten natürlichen Waldgebieten der Insel

Carol aber sitzt noch im Sattel und fährt provozierende Schleifen auf der Straße, ein Stückchen bergauf und wieder abwärts, immer wieder. Zweimal steige ich noch auf, was mir aus entgegenkommenden Autos immerhin meine ersten und letzten kreolischen Anfeuerungsrufe beschert. Zweimal steige ich wieder ab. Nach weiteren 50 Höhenmetern habe ich meinen Schrittmacher endlich zermürbt. Als sich rechts ein Abzweig talwärts senkt, ruft Carol "Finito Berge!" nach hinten und ist um die nächste Kehre davon.

Die Abfahrt verwandelt die grüne Hölle in einen grünen Rausch. Drei, vier Meter hohe Wände aus Bambus und Zuckerrohr machen die schmale Bergstraße zum schattigen Tunnel, der dazu einlädt, es laufen zu lassen. Der Fahrtwind hat das durchnässte T-Shirt rasch getrocknet. Hatte nicht Eddy Merckx sich bei den Alpenabfahrten immer Zeitungen unters Trikot gestopft, um nicht auszukühlen? In der warmen Tropenluft hier ist das nicht nötig. Wo die Sonne eine Schneise im Dickicht findet, lässt sie den Asphalt leuchten. Am Straßenrand blitzen im Licht die harten Lanzenblätter der Vacoa-Büschel. Kurve folgt auf Kurve, und vor keiner ist zu sehen, wie es dahinter weitergeht. Ein Stein auf der Straße, ein Riss im Asphalt kann bei dem Tempo für die harten, schmalen Rennpneus eine böse Falle sein. Aber bremsen? Nach der Schmach des Schiebens kommt das nicht infrage. Also den Lenker fest gegriffen, auf die Straße konzentriert und hinunter. Als wir die Küste erreichen, zittern mir die Arme.