Ein Bauer auf seinem Acker bei Terre Rouge

Weil Linksverkehr herrscht, auf den ich nicht dressiert bin, schätze ich Enricos Lotsendienste jetzt sehr. Der Überlebenskampf auf der Straße lässt nur sporadische Seitenblicke auf das pralle Leben rechts und links der Fahrbahn zu. Auf den schmalen Trottoirs vor bunten Schlichtbauten drängeln sich die Menschen. Verschleierte Musliminnen, in Saris gehüllte Inderinnen, Chinesen, Kreolen – dass die einheimische Gesellschaft multikulturell ist, erschließt sich schon dem flüchtigen Blick. Die Insel war bis zum 15. Jahrhundert unbewohnt. Französische Kolonialherren haben Sklaven aus Afrika für ihre Zuckerrohrplantagen hierher verschleppt. Anfang des 19. Jahrhunderts brachten die Briten Mauritius unter ihre Herrschaft. Sie schafften 1835 die Sklaverei ab und ersetzten die afrikanischen Arbeiter durch billige Kräfte vom indischen Subkontinent. Die Mauritier von heute halten sich viel darauf zugute, dass das Gemisch von Rassen und Religionen auf ihrer Insel weitgehend friedlich beieinander lebt.

Für die Mittagszeit haben mir meine kreolischen Begleiter praktizierten Multikulturalismus in Aussicht gestellt, indem wir bei einem inselweit bekannten Inder lunchen wollen. Dewa & Sons in Rose Hill soll ein exzellentes Dhal Puri servieren. Das gepriesene Etablissement ist dann aber eher eine Imbissbude, das Dhal Puri ein schlapper Klapppfannkuchen mit scharfer Gemüsefüllung. Der Verzehr gestaltet sich als ziemliche Schweinerei, weil mir die Füllung aus der Teighülle und durch die Finger flutscht. Dann lieber doch rasch wieder aufs Rad.

Eddy Merckx war auch schon hier – Polizisten begleiteten ihn

Wir verlassen Rose Hill und kommen zügig voran, weil wir die Autoschnellstraße nehmen – wofür wir in Europa wahrscheinlich mit dem Polizeihubschrauber eingefangen würden. So aber passieren wir schnell Cyber City. Neue Bürobauten wachsen dort in den Tropenhimmel, die mauritischen Wirtschaftsförderer wollen die Insel zum IT-Standort machen. In Port Louis kann mich das Verkehrschaos nach dem Vormittagstraining nicht mehr schrecken, und so sitze ich im Büro der Mauritius Tourism Promotion Authority bald dem Mann gegenüber, dem ich meine Fahrraderlebnisse auf der Insel verdanke.

Chairman Robert Desvaux ist der große Initiator des Cyclotourismus auf der Tropeninsel, und er nennt gute Gründe dafür, dass er die Fremden aufs Rad setzen will: "Dem Ökotourismus gehört die Zukunft. Radfahrer lieben die Natur, und davon haben wir viel zu bieten. Mauritius, das sind nicht nur die Traumstrände, es sind auch die Berge, die Wälder. Und Radfahren ist ein wunderbares Mittel, sich dem Land und seiner Kultur zu nähern."

Leider ist der Chairman, der selbst an den Wochenenden gern auf seinem 6,8 Kilo leichten Profi-Rad über die Insel zischt, aber auf ein Marketingkonzept verfallen, das seinem Projekt eine betont sportliche Prägung gibt. Die Belange des durchschnittlichen Radwanderers sind dabei womöglich aus dem Blick geraten – der Wunsch nach herzinfarktfreier Betätigung etwa oder auch die Aversion dagegen, von einem Lastwagen in den Graben gefegt zu werden. Desvaux holt regelmäßig große Radrennfahrer auf die Insel, um sie zu Botschaftern des Cyclotourismus zu machen. Der Bergkönig Richard Virenque sei schon dagewesen, der Sprinter Laurent Jalabert und kürzlich eben Eddy Merckx. Mit großem Peloton seien die jedes Mal unterwegs gewesen, zwei Polizeimotorräder vorneweg und zwei mit Blaulicht hinter dem Feld.

Unsere Rückfahrt führt über 40 Kilometer die stark befahrene Küstenstraße entlang. Michel folgt uns mit dem Wagen, im 25-Stundenkilometer-Tempo. Ich habe ihn gebeten, die Warnblinkanlage einzuschalten. Hinter ihm hat sich eine Autoschlange gesammelt. Mauritius soll den Cyclotourismus kennenlernen.

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