Es hat ihr nicht gefallen, als sie kürzlich vom Boulevard als Eiserne Kanzlerin porträtiert wurde. Angela Merkel hat ein Gespür für unangemessene Vergleiche: In der Nachfolge Bismarcks, das war ihr suspekt. Sie ahnte, dass damit Erwartungen geweckt werden, an denen sie nur scheitern kann.

Am Tag nach der Wahl in Nordrhein-Westfalen ist es so weit. Die Kanzlerin wirkt wie auf schwankendem Grund. Vom krachenden Machtverlust in der nordrhein-westfälischen Provinz bis zu den Brüsseler Notstandsverhandlungen zur Euro-Rettung reicht die dramatische Spanne ihrer aktuellen Krisenerfahrung. Das Datum, auf das sich die gesamte Politik seit dem schwarz-gelben Machtwechsel zubewegt hat, der Wahlsonntag von Düsseldorf, bedeutet eine Zäsur für ihre Kanzlerschaft. Einfach weiterzumachen scheint ausgeschlossen.

Es ist von besonderer Ironie. Genau fünf Jahre ist es her, da wurde von Düsseldorf aus ihre Kanzlerschaft eingeläutet. Damals nahm das entnervte sozialdemokratische Führungsduo Schröder/Müntefering den Machtverlust der SPD am Rhein zum Anlass, Neuwahlen auszurufen. Es war die Entscheidung, die Angela Merkel den Weg ins Kanzleramt ebnete. Nicht dass die schwere Niederlage, die ihre Partei jetzt selbst in NRW erlitten hat, sie nun aus dem Amt vertreiben würde. Und doch sieht sich die Kanzlerin heute mit einer so schwindelerregenden Krisenakkumulation konfrontiert, dass die Lage wirklich eher an die Spätzeit einer Regierung erinnert als an deren Start.

Die aktuellen Krisen, mit denen die Bundeskanzlerin zu tun hat, spielen auf allen Bühnen gleichzeitig – in ihrer Partei, in der Koalition, in der Wirklichkeit des Landes, das sie regiert, und, drastischer als je befürchtet, in Europa. Da ist die erdrutschartige Niederlage der CDU im größten Bundesland, aus der die ohnehin verunsicherte Partei mit noch mehr offenen Fragen an ihre Vorsitzende hervorgeht. Und da ist die klirrende Niederlage für Schwarz-Gelb, die alle Zweifel an dieser Konstellation zu bestätigen scheint. Es ist schließlich alles andere als ausgemacht, dass die FDP den "Warnschuss" vom Wochenende, wie Guido Westerwelle ihn nennt, wirklich gehört hat.

Die FDP hat sich auf die Seite von Banken und Spekulanten gestellt

Man hat die händeringenden Beteuerungen von CDU-Politikern noch gut in Erinnerung, die in den vergangenen Monaten jedes Spurenelement von Vernunft bei ihrem Koalitionspartner immer wieder aufs Neue als klares Anzeichen beginnender Regierungstauglichkeit bewertet wissen wollten. Doch in solch blasse Hoffnung rauschte jedes Mal der nächste Rückschlag – zuletzt am vergangenen Freitag, als es der FDP gelang, eine breite Mehrheit im Bundestag für die Griechenlandhilfe im letzten Moment zu torpedieren. Damit bekräftigten die Liberalen den Eindruck, die Koalition stehe eher aufseiten der Banken und Spekulanten als bei denen, die seit dem Herbst 2008 vergeblich auf die Regulierung des Finanzsektors drängen. Man weiß, wie gern die Kanzlerin, zumal vor den Wahlen in NRW, gerade diesen Eindruck vermieden hätte. Doch dafür reichte ihr Einfluss in ihrer eigenen Koalition nicht aus.

Viele in der CDU fühlen sich inzwischen "wund gerieben" von den Aktionen der FDP in den letzten Monaten. Umso vorsichtiger aber bleibt die Kanzlerin auch jetzt mit kritischen Andeutungen: Es habe "Gegenwind gegeben aus Berlin" für Jürgen Rüttgers, das habe zur Niederlage beigetragen. Aber zugleich sieht Merkel die Koalition "seit mehreren Wochen doch auf sehr viel besserem Weg". Jetzt will sie also Kurs halten?

Wollte man das "Bündel an Ursachen" für die Niederlage, von dem jetzt immerzu die Rede ist, aufschnüren, eine fiele besonders ins Gewicht: Die Wahl ist für die Kanzlerin und ihre Partei verloren gegangen, weil sie es ein halbes Jahr lang zugelassen hat, dass ihr die FDP mit einer untauglichen Agenda und dem Anspruch auf eine "geistig-politische Wende" auf der Nase herumtanzen durfte.