Ein Albtraumbild: Mitten im Hof eines maroden Anwesens steht ein Maschinenmonstrum, am zerrissenen Himmel entfernen sich Kampfflieger, in der Ferne ein Brandgelb, das von der untergehenden Sonne oder einem Feuer stammen könnte. Dazu müde bäuerliche Gesichter, zufrieden lächelnd, verschlagen grinsend. Franz Radziwill hat diesen Dorfeingang Ende der zwanziger Jahre gemalt, ein Horroridyll, das künftige Katastrophen heraufbeschwört und das klüger zu sein scheint als sein Schöpfer, der sich in den Dreißigern den Nazis andiente, obwohl diese ihn für "entartet" hielten. Man steht gepackt vor diesem kühnen Bild und fragt sich einen Moment lang, was es hier zu suchen hat, in einem Museum mit dem seltsamen Namen Ostdeutsche Galerie.

Jüngere Menschen vermuten, hier werde Kunst aus der DDR gezeigt. Damit liegen sie falsch und doch auch richtig, denn es geht in diesem Museum mit seiner ungemein reichen Kunstsammlung tatsächlich um deutsche Geschichte. Lange zeigte es Bilder und Skulpturen nicht, weil sie gut, sondern weil sie gut und "deutsch" waren und weil ihre Schöpfer irgendetwas mit jenen Gebieten verband, die nach dem Krieg nicht mehr zu Deutschland gehörten. Grafiken und Gemälde Adolf Hölzels tauchten auf, weil dieser im mährischen Olmütz geboren wurde, das lange zu Österreich gehörte. Bilder des Stuttgarters Oskar Schlemmer hängen da, weil Schlemmer an der Kunstakademie Breslau unterrichtete. Und der in Sachsen geborene Max Pechstein gilt als ostdeutsch, weil er einige Jahre in Hinterpommern lebte.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Das rechtliche Konstrukt, das all diese Werke in Regensburg zusammenführt, ist Paragraf 96 des Bundesvertriebenengesetzes von 1953. Er regelt die "Pflege des Kulturgutes der Vertriebenen und Flüchtlinge" und erteilt der Kunst den Auftrag, die Erinnerung an deutsche Siedlungsgebiete jenseits von Oder und Neiße wachzuhalten. 1966 wurde die Stiftung Ostdeutsche Galerie gegründet, bis heute Trägerin des Museums.

Die wenigsten Regensburger wussten bis Anfang der neunziger Jahre, was für Preziosen sich hinter dem klassizistischen Portikus des Hauses verbarg: Lyonel Feiningers "Ruine auf dem Kliff" von 1940 zum Beispiel (unser Bild) oder Werke von Corinth und Kollwitz, Kokoschka und Otto Mueller, biedermeierliche Porträts, Avantgardekunst und ein riesiger Bestand an Grafiken dösten hier lange vor sich hin. Dann gingen die Verantwortlichen in die Offensive, mit thematisch gestalteten Räumen und später mit Sonderausstellungen zur zeitgenössischen Kunst der ost-mitteleuropäischen Nachbarländer.

Die heutige (neuerdings wieder einer Revision unterzogene) Präsentation macht den Besucher zwar nicht immer glücklich. In manchen der über 20 Ausstellungsräume drängeln sich die Bilder und Plastiken ungut vor knallbunten Wänden, und manche Querbezüge stiften mehr Verwirrung als Zusammenhang. Dennoch: Welche Schätze enthält dieses Haus! Allein der Lovis-Corinth-Raum ist umwerfend. Auch weniger bekannte Maler sind zu entdecken: Waldemar Rösler und seine duftige baltische Sommerszenerie Bucht mit Badenden von 1914, Moriz Melzer, der Expressionist der verlorenen Paradiese, oder Clara Siewert, die 1944 mit 82 Jahren in Berlin bei einem Bombenangriff ums Leben kam, dem auch fast ihr gesamtes Lebenswerk zum Opfer fiel.

Die Sammlung, geboren aus dem Schmerz einer unruhigen Geschichte, ist längst kein Ort mehr, an dem man still verlorener Deutschländer gedenkt. Sie war dafür ohnehin immer das falsche Instrument, und manches in ihr – wie etwa die pazifistische Plastik von Käthe Kollwitz – hat den konservativen politischen Anspruch des Hauses stets sanft unterlaufen. Das Gruftige ist an manchen Stellen noch nicht ganz verschwunden, aber das Museum ist doch längst – wie das ganze Land und der europäische Kontinent – in eine neue Phase eingetreten. Das nach Osten ausgerichtete Museumskonzept wurde intelligent weiterentwickelt, sodass aus der Ostdeutschen Galerie ein Kunstforum des östlichen Mitteleuropa werden konnte. Zum Leiden an der Geschichte und der Erfahrung des Verlusts trat das Glück neuer Nachbarschaft.