Ein Zaun am Wolga-Ufer, dahinter eine Immobilienreklame mit kyrillischen Lettern: "Das Haus ist da, wo das Herz ist". Davor Reifenstapel, sorgsam bemalt in den Nationalfarben Weiß, Blau, Rot. Russland heute. Es gibt sogar einen Umweltaktivisten, der Unterschriften gegen die Uferbebauung sammelt, einen alten Lehrer. In der Partitur von Katja Kabanowa, der erfolgreichsten Oper von Leoš Janáček, sucht man so einen klugen Alten vergebens. Doch ist das keiner der gern gescholtenen Übergriffe des "Regietheaters", sondern ein Fall verschärfter Werktreue. In ihrer neuen Stuttgarter Produktion haben die Regisseure Jossi Wieler (designierter Intendant des Hauses) und Sergio Morabito den Komponisten sozusagen vor seiner eigenen Schlamperei gerettet.

Als nämlich Janáček, 65 Jahre alt, sich Ostrowskis Schauspiel Das Gewitter zurechtstrich, warf er zwei Figuren in eine und ließ es dabei ausnahmsweise am dramatischen Feingefühl fehlen. Einen alten aufgeklärten Naturfreund, der Dichter zitiert, mischte er mit einem jungen Draufgänger, der im zweiten Akt nicht mehr weiß, was ihm im ersten erklärt wurde. Vielleicht sah Janáček, Exlehrer, schwer und schwierig verliebt, sich selbst in der Figur, alt und jung, aber seit der Uraufführung 1921 haderten seine Bewunderer – darunter der Libretto-Übersetzer Max Brod – mit der hybriden Rolle. Wieler und Morabito haben sie jetzt in zwei profilierte Typen zurückzerlegt, ohne der Partitur das Geringste zuleide zu tun. Nicht Kudrjasch, sondern Kuligin ist jetzt der weise Naturfreund.

Und Öko zudem. Es ist das gespaltene Russland Putins, aufgeklärt und archaisch, in dem die Stuttgarter Katja sich das Leben nimmt. Kirche und Patriotismus sind nicht noch, sondern wieder bestimmend. In strenger bunter Tracht kommen die Frauen aus der Kirche, doch unter Rüschen und Borten (Kostüme: Nina von Mechow) werden Jeans und T-Shirt sichtbar, und hohe Hacken trägt sogar die alte Kabanicha, Urbild der bösen Schwiegermutter, die es selbst so faustdick hinter den Ohren hat, wie sie von Sohn und Schwiegertochter Sittenstrenge einfordert. Doch woran zerbricht Katja wirklich? Am Eheknast, an gesellschaftlichem Druck, wie in Ostrowskis Vorlage? Oder doch an zeitloser Liebesqual, für die Janáček, selbst betroffen, genaueste Seelentöne notierte?

Seitdem diese Oper zum internationalen Repertoire zählt, seit etwa 40 Jahren, scheint diese Frage die Regisseure zu polarisieren. Mal wird sie auf die Emotionen fokussiert wie bei Willy Decker, mal zeigt sie vom Gemeinwesen deformierte Gestalten wie bei Christoph Marthaler. Wieler und Morabito geht es um beides, mit unterschiedlichem Erfolg. Die gesellschaftliche Regression, auf die sie anspielen, ist ein globales Phänomen, nur zeigt es sich in Russland krasser. Allerdings sind uns die Dresscodes der Putin-Provinzen so wenig vertraut, dass der Mix aus Tracht und Jeans sich zu überlagern droht mit alten Russlandklischees, auch wenn da ein Alter zum Kittel die Rolex trägt.