Für einen Bus sieht dieses Gefährt gar nicht übel aus. Die Polster sind vornehm anthrazitfarben, es klebt kein Kaugummi unter den Sitzen, und auch die Toilette blitzt und strahlt.

Reisen mit dem Linienbus haben in Deutschland einen schlechten Ruf. Man denkt an eingeschlafene Beine und andauernde Zwischenstopps an trostlosen Orten. An Sitznachbarn, die sich mit Salamibroten und Dosenbier stärken oder den halben Hausstand in Plastikbeuteln verladen. Dabei sind Busse durchaus zeitgemäß: umweltfreundlich, flexibel und preiswert. Nun möchte der Marktführer Deutsche Touring neue Kunden anlocken. Er setzt auf der viel genutzten Strecke zwischen Berlin, Dresden und Prag einen "Business Class"-Bus ein. "Wir wollen Reisende ansprechen, die sich mehr Komfort wünschen", sagt Michael Svedek, einer der Verantwortlichen des Unternehmens. "Vielleicht sogar Geschäftsleute. Berlin–Prag ist dafür ideal. Da sind wir 20 Minuten schneller als die Bahn."

Business Class, das weckt Erwartungen. Man denkt an die entsprechende Buchungsklasse im Flugzeug: an Champagner, x-fach verstellbare Sitze und ein Dutzend Kinofilme zur Wahl. Und solche Luxus-Fernreisebusse gibt es ja tatsächlich, in Lateinamerika und Ostasien etwa, wo es genügend wohlhabende Kunden, aber kein dichtes Schienennetz gibt.

Auch von anderen deutschen Metropolen sollen bald Luxus-Busse starten

Die 18 Reisenden, die sich Anfang Mai zur Jungfernfahrt am Berliner Omnibusbahnhof eingefunden haben, sehen allerdings eher nach Interrail aus. Sie tragen Jeans und T-Shirt; kaum einer ist älter als 30. Sie verstreuen ihre Taschen und Jacken auf die 48 Sitze und inspizieren, was der Bus so alles zu bieten hat: Fußstützen mit rutschfesten Noppen; eine Auswahl an Musikkanälen, über Kopfhörer zu empfangen; Steckdosen; eine kleine blaue Mülltüte pro Sitzreihe und Service am Platz.

Die Studentinnen wollen in Prag durchfeiern und morgen wieder zurück

Der Steward erweist sich als sehr junger Mann mit strubbeligem Kurzhaar. Die Anzugjacke schlackert um seine Schultern. Er verteilt Mineralwasserfläschchen, andere Getränke gibt es nicht, und weist auf die Lektüre hin, die auf der vordersten Sitzreihe ausliegt. Tschechische Zeitschriften, auf denen rosige Babys lächeln, und ein deutsches Stadtmagazin, das "1800 Berlin Termine" empfiehlt – als wollten die Busbetreiber ihren Gästen raten, doch lieber daheim zu bleiben. Was sich mancher überlegen könnte angesichts der Sitze, die einen Übergewichtigen in Platznot brächten und deren Lehnen sich nur einige Anstandszentimeter zurückklappen lassen. "Travel Schlafsessel", wie der Anbieter sie nennt, hätte man sich anders vorgestellt.

Doch den Gästen gefällt’s. "Das ist der beste Bus, den wir auf der ganzen Reise hatten", sagt Catherine, eine Australierin, die sich mit ihrem Freund Drew in der sechsten Reihe niedergelassen hat. Seit zwei Monaten sind die beiden unterwegs, sie sind in Hongkong gestartet, haben diverse Länder durchquert, alle mit Bus und Bahn. Dankbar sind sie vor allem für das kostenlose WLAN an Bord.

"Ich bin schon mal mit einem Fernbus gefahren. Der war ziemlich gammelig", sagt Lotta, Anfang 20, aus Berlin. "Hier ist es sauber und hübsch." Sie sitzt mit einer Freundin in der letzten Busreihe und blättert in einer der tschechischen Zeitschriften. "Wir wollen gucken, was man da für Mode trägt." Die Jurastudentinnen haben sich spontan für die Tour entschieden, weil das Ticket in der Einführungswoche nur einen Euro pro Strecke kostet. Sie wollen die Nacht durchfeiern und morgen früh zurück. Dass an der Bordwand in Goldbuchstaben "Business Class" steht, findet Lotta amüsant. "Ein echter Geschäftsmann setzt doch keinen Fuß in einen Bus."