ZEITmagazin: Herr Gabriel, Ihre Biografie ist ja ein ziemliches Auf und Ab – so viele Siege und Niederlagen, mit Reichtum und Schulden, auch mit Alkohol. Ist das Leben im Schleuderkurs intensiver?

Gunter Gabriel: Auf jeden Fall. Aber ich habe mir das nicht ausgesucht. Es hat etwas mit meinem störrischen Temperament zu tun. Ich musste mich immer gegen meinen Vater wehren, der ein großer Prügler war. Er hat mich als jemanden gesehen, der ihn um eine Menge Geld betrogen hat. Ich war die Reihenhaushälfte, auf die er verzichten musste, weil ich geboren wurde. Das fand ich dermaßen pervers, dass ich gesagt habe: Da mache ich niemals mit.

ZEITmagazin: Geld hat in Ihrem Leben eine große Rolle gespielt – in den achtziger Jahren verloren Sie Ihr ganzes Vermögen.

Gabriel: Ja, das war eine schlimme Zeit. Mich hatten nach den ersten großen Erfolgen die falschen Leute beraten. Ein Freund erzählte mir von einem Bauherrenmodell, mit dem man Steuern sparen könne. Am Ende hatte ich zehn Millionen Mark in den Sand gesetzt und einen Riesenberg Schulden.

ZEITmagazin: Wie lebt es sich, wenn man alles verloren hat?

Gabriel: Ich musste meine damalige Frau jeden Tag um fünf Mark anbetteln. Das war eine solche Demütigung. Irgendwann sagte sie: Geh ans Fließband, und verdiene dein eigenes Geld. Deine Karriere ist zu Ende, kapier das endlich! Das war bitter. Ich habe damals alles gesoffen, was ich in die Finger bekam. Fernet Branca, die 3-Liter-Flasche Retsina. Nur um schlafen zu können. Die Folge waren Depressionen.

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ZEITmagazin: Hat Ihre Ehe die Krise überstanden?

Gabriel: Nein, ich konnte diese Erniedrigung nicht ertragen. Ich wurde gefährlich. Da flogen oft die Fetzen. Sie hat mich dann aus dem Haus gejagt.

ZEITmagazin: Sie wurden handgreiflich?

Gabriel: Ja. Ich war jähzornig durch diesen ständigen Druck. Keine Plattenfirma wollte mich mehr, kein Veranstalter. Meine Frau war die erste Leidtragende, was mir heute noch leid tut. Da ging viel Mobiliar und Porzellan kaputt. Ich fühlte mich danach sehr schäbig, zumal ich sie ja auch für ihre Klarheit gewissermaßen bewunderte. Stell dich der Realität!, sagte sie. Ich habe dann zehn Jahre im Wohnwagen und auf der Autobahn gelebt.