Die Reise zu seinem Lübecker Geburtsort führt den 16-jährigen Silas Rieve auf eine Wiese im Süden von Leipzig. Am Lindenhof, 04277 Connewitz, ein Abzweig der vornehmen Prinz-Eugen-Straße. Moderne Stadthäuser mit wandhohen Fenstern stehen hier, Paläste des Wohlstands, betongewordenes Glück mit Gartenhäuschen. Es regnet, Silas friert, er könnte die großen Häuser bestaunen, aber er hat keinen Blick für sie. Silas nähert sich dem Ort seiner Wurzeln.

Es ist ein Mercedes 1217 DB, 170 PS, Baujahr 1983, in dem noch immer Silas Vater wohnt. Der Geburtsort ist mit Silas umgezogen, 460 Kilometer über die Autobahn aus Schleswig-Holstein nach Ostdeutschland. "Anfangs war es mir peinlich", sagt Silas, "wie sollte ich das in der Schule erklären? Dass ich auf dem Wagenplatz lebe."

Silas Name kommt von Silvanus, das ist der römische Gott des Waldes. Der Wald beginnt gleich nebenan, Gras wuchert, die Natur schickt ihren Duft. So geht der Traum der Familie Rieve. Heute ist Silas stolz auf seinen Wagen und sein Leben in einer kleinen Siedlung an der Grenze zwischen Zivilisation und Freiheit, die hinter einem roten Metallzaun am Ende der Sackgasse beginnt.

Am Lindenhof erhielt Silas sein eigenes Zimmer, seinen eigenen Wagen aus Eigenproduktion. "Hersteller J. Rieve Leipzig, Typ Silas", so steht es in der Betriebserlaubnis der Dekra.

Jan Rieve, der Vater von Silas, wartet im Wohnzimmer, dem Mercedes 1217, einem weißblauen Lkw. "Wolfram Möbelspedition" steht am Laderaum, "in Berlin gekauft, als ich dort wohnte", sagt Rieve. Er baute Trabi-Türen als Fenster in die Wand, schraubte Tische ein und das Hochbett, der Lkw blieb ein Möbelwagen, aber diesmal sollten die Möbel für immer drinbleiben. Im Regal über dem Bett stehen jetzt Bücher der Sehnsucht, über Westafrika, Nepal, Südamerika. Da sei er schon überall gewesen, erzählt Rieve. "Fünf Jahre Welttour nach dem Abitur, nur aus dem Rucksack leben, danach brauchst du nicht mehr viel. Danach willst du beweglich bleiben."

Hier, zeigt Rieve, auf dieser Pritsche sind seine Kinder geboren, ist es nicht großartig, diesen Ort immer bei sich zu haben? Einst wohnte auch Silas Mutter mit im Wagen, bis sie doch eine Wohnung vorzog und die Eltern sich trennten. Rieve der Ältere ähnelt Peter Maffay, sie haben das gleiche Haar und das gleiche Lachen, sie haben die gleichen dunklen Augen, die stets Melancholie ausstrahlen, aber auch Witz. In Rieves Ohrläppchen hängt eine Schraube als Schmuck und Statement, denn Jan Rieve ist ein Bastler. Privat wie beruflich, als Techniker am Leipziger Straßentheater Titanick und als Oberbaumeister eines Wagenplatzes, auf dem mittlerweile jeder Wagen einen eigenen Stromanschluss hat und fast jeder Solarzellen auf dem Dach.

"Unser Leben ist ein Traum", sagt Rieve, stadtnah im Grünen, ein Zimmer für sich allein, und alles so friedlich.