Lange nichts mehr von Frau Hoffmann gehört, nicht wahr? Ich kann Sie beruhigen: Sie lebt noch, und es geht ihr wie uns allen, die wir älter geworden sind. Sie geht jetzt auf die zwanzig zu, ein ganz schönes Alter für eine Katze. Aber sie jammert nicht.

Wenn ich einen Kater habe, jammere ich sehr. Und in mein Jammern mischen sich die Flüche, mit denen ich die Winzer bedenke, deren Chemiebaukasten ich für den Kater verantwortlich mache.

Bis heute sind sich die Experten nicht einig: Kommt der Kater, der uns morgens halb blind und halb gelähmt nach dem Aspirin tasten lässt, vom Schwefel oder anderen Missetaten der Winzer? Hier muss ich einfügen, dass der Schwefel im Wein keine Missetat, sondern eine Notwendigkeit ist. Schon die Römer…

An dieser Stelle baut sich Frau Hoffmann vor mir auf und brüllt (neuerdings maunzt sie nicht mehr, sondern brüllt): "Warum quasselst du immer nur über Wein, anstatt dich um die Qualität meines Futters zu kümmern?"

Was sie sagen will, ist, dass kein Fleisch in ihrem Fressen war. Da sagt sie es auch schon: "Ist dieser Haushalt denn zu den Vegetariern übergelaufen?"

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"Dafür gibt es mehrere Gründe", erkläre ich, "damit boykottierst du jedenfalls die Massentierhaltung. Darauf kannst du stolz sein!"

"Mit leerem Magen ist man nicht stolz, sondern hungrig. Gibt’s nicht mal Brekkies?"

"Nur noch mit Thunfisch." Thunfisch mag sie nicht.

Was ist sie doch für eine verwöhnte Katze, denke ich. "Würdest du denn wenigstens Samosa mit Shiitake-Pilzen und Sojasprossen auf Pak Choi an Chili-Mango-Soße und Reisnudeln essen?"

Sie sieht mich entsetzt an. "Wohl mit Stäbchen, oder? Wie kommst du auf so was?"

"Nun, ist vegetarisch, würde aber auch dir schmecken; ausgedacht hat sich das ein deutscher Koch in Zürich."

Bei dem Wort "vegetarisch" dreht sie sich zunächst angewidert weg, dann aber macht sie plötzlich eine Kehrtwendung: "Warst du denn etwa in Zürich?"