Im Grunde hätte man alles wissen können. Welcher Bischof trägt schon solche Sonnenbrillen, mal blau getönt, bald rosarot verlaufend, und wenn, warum? Und wie kam Walter Mixa zu der merkwürdigen Aussage, dass an dem Sittenverfall in der katholischen Kirche ausgerechnet die Libertinage der Achtundsechziger Schuld trage? Hätte man nicht aufmerken müssen, hätten nicht zumindest die Sonnenbrillen den Verdacht erregen müssen, dass Mixa womöglich sich selbst meinte, wenn er von dem verderblichen Einfluss der Achtundsechziger sprach, der bis ins Innere der Kirche gedrungen sei?

Mit dem Fall des Augsburger Bischofs Walter Mixa verhält es sich wie mit der Fabel, die Max Frisch in seinem Theaterstück Biedermann und die Brandstifter erzählt. Dort warnen die Brandstifter unablässig vor sich selbst, nur der Biedermann möchte nichts hören und sich partout als vorurteilsfreier und vorbildlich toleranter Zeitgenosse profilieren. Dieser Biedermann waren wir. Auch unsere vorbildlich liberale Öffentlichkeit wollte sich auf keinen Fall von dem Auftreten des Bischofs verschrecken lassen. Genauer gesagt und näher noch an dem Theaterstück: Die Öffentlichkeit hat sich erschreckt, wollte ihrem Reflex aber nicht nachgeben, sondern den Bischof lieber als reaktionär verbockte Figur sehen, die sich vielleicht sogar schlechter machte, als sie war. Erst heute, da Details seines Privatlebens bekannt werden, beginnen wir zu ahnen, dass er die satanische Wirkung der sexuellen Emanzipation mutmaßlich an sich selbst beobachten musste.

Wahrscheinlich wollte er immer nur sagen, schaut mich an, wenn ihr über den Sittenverfall in der Kirche klagt. Aber wir haben ihn nicht angeschaut. Wir wollten die Kirche lieber reaktionär als verdorben. Wir haben nicht einmal die Sonnenbrillen zur Kenntnis nehmen wollen, die sonst nur von Boutiquenbesitzerinnen in der Provinz getragen werden. Wir haben glaubwürdig demonstriert, dass wir keine Vorurteile kennen, nicht einmal gegen Moden in der Augsburger Provinz. Was sollte der arme Mann, der unablässig auf sich aufmerksam machte, da noch machen? Es blieb ihm nichts anderes übrig, als das ganze Gebäude der Kirche anzustecken, wie es Max Frischs Brandstifter mit dem Haus ihres Gastgebers tun, damit der Biedermann endlich einsieht, wen er, vorbildlich tolerant und vorurteilsfrei, bei sich zu Gast hatte.