Spiel, Einsatz, Sieg. Am Wochenende zeigte Europa den Zockern, was es kann. Und die trollten sich schon Montagfrüh . Der Euro-Kurs stieg, die Aktienkurse kletterten – und die Zinsen für Anleihen der angeschlagenen Südeuropäer schrumpften wieder auf ein erträglicheres Maß.

Spiel, Einsatz, Sieg? Eine halbe Billion Euro Steuergeld setzt Europa ein, um die eigene Währung zu retten . Und das, nachdem sich die Länder schon in ähnliche Schuldenabenteuer stürzten, als sie erst die Banken und dann die Konjunktur stützten. Jetzt erleben wir die dritte Welle der Krise, und allein Deutschland verwettet mehr als 120 Milliarden Euro auf die Zukunft des europäischen Projekts.

65 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs steckt der Kontinent in einem neuerlichen Großkonflikt – mit den Finanzmärkten. Von einem "Generalangriff" auf den Euro ist die Rede, von einer "Generalmobilmachung" der Staaten. Verteidigt wird nicht die Landmasse: "Wir schützen das Geld der Menschen in Deutschland", sagt Angela Merkel – und klingt genauso wie 2008, als sie alle Bankeinlagen garantierte und den großen Bankensturm abwehrte.

Es ist ein Konflikt, der anders verläuft als ein Krieg zwischen Nationen, weil hier zwei Welten aufeinandertreffen. Auf der einen Seite stehen demokratisch gewählte Regierungen, die den Willen ihrer Bürger repräsentieren sollen. Auf der anderen Seite sind die Märkte, die vom Geld ebendieser Bürger leben – Banken, Versicherungen, Hedgefonds. In den beiden Welten denkt man anders, handelt man anders, entscheidet man anders. 

In der Logik der Politik zählen Landtagswahlen und Koalitionsverträge.

In der Logik der Finanzmärkte zählen die Chancen, aus Geld noch mehr Geld zu machen.

Die beiden Welten sind untrennbar miteinander verbunden. Und meistens gewinnen die Märkte.

Nur diese Woche nicht. Es ist Montag, halb drei morgens in Brüssel. Bleich und mit tiefen Ringen unter den Augen sagt EU-Währungskommissar Olli Rehn im Pressesaal des Rates: "Die besten Entscheidungen trifft die Europäische Union nachts." Und dann verkündet der Finne ein Hilfspaket sondergleichen. Zu den 500 Milliarden Euro aus Europa kommen noch 250 Milliarden vom Internationalen Währungsfonds in Washington, die in Not geratenen Euro-Ländern helfen sollen. Was Rehn nicht sagt, in diesem Moment aber jeder hört: Das alte Europa ist tot, es lebe das neue!

Das alte Europa war ein Klub, in dem jeder für sich selbst verantwortlich war. Das neue ist ein Verbund, in dem man füreinander einsteht. Bisher war das verpönt. Nun aber darf die EU-Kommission Kredite vergeben – bis zu 60 Milliarden Euro. Die Europäische Zentralbank kauft Ländern ihre Anleihen ab. Und auch die europäischen Regierungen können sich finanziell helfen. Dafür wird eine Zweckgesellschaft gegründet, die angeschlagenen Euro-Ländern Geld leiht, abgesichert durch Garantien der anderen Mitgliedsstaaten.

All das entspricht in Grundzügen der Idee eines Europäischen Währungsfonds, den Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) vor wenigen Wochen öffentlich gefordert hatte, wofür er in Deutschland heftig kritisiert worden war – von der eigenen Partei. Auch die Kanzlerin war damals mäßig angetan. Und so gehört es zur Ironie der Geschichte, dass eine ursprünglich deutsche Idee in einer dramatischen Brüsseler Nachtsitzung den Deutschen geradezu aufgezwungen wurde – von den Franzosen.

In Paris ärgert man sich seit je darüber, dass sich die Deutschen bei der Gründung der Währungsunion mit ihren Ideen harter Stabilitätsregeln für jedes Mitgliedsland durchsetzen konnten. Jetzt sah der französische Präsident Nicolas Sarkozy die Gelegenheit gekommen, Solidarität mit dem gebeutelten Süden zu demonstrieren und die Währungsunion umzubauen. Ein Landsmann gab den Anstoß dazu: Jean-Claude Trichet, der Präsident der Europäischen Zentralbank. Denn der warnte die in Brüssel versammelten Regierungschefs, die Finanzmärkte könnten über Nacht zusammenbrechen, schon würden manche Banken sich untereinander kein Geld mehr leihen – so wie nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers. Europa müsse handeln. Und zwar schnell.

Kurz nach Öffnung der Börsen in Asien am Montagmorgen stand die europäische Abwehr. Ohne sie wäre das Ende des Euro fast gewiss gewesen. Erst Griechenland, dann womöglich Portugal, dann Spanien: Die Pleite dieser Staaten hätte auch Frankreich und Deutschland bedroht.

So ähnlich sahen es wohl auch die Währungshüter in Frankfurt am Main.

Wie auf dem Höhepunkt der Bankenkrise werden nun die Märkte mit Liquidität geflutet, die Notenbanken in Japan, den USA, Großbritannien, Kanada und der Schweiz machen mit und stellen den klammen europäischen Banken Devisen bereit. Am Montag begann die EZB damit, Staatsanleihen der angeschlagenen Länder aufzukaufen.