Lebt wieder ungesünder!

Die Politik des Bundesamtes für Gesundheit ist seit Jahren ganz auf Prävention eingestellt. Verhüten, vorsorgen, verbieten. Richtig ammenmäßig, als wäre das Schweizer Volk eine Horde von Kindern, die der Staat schützen muss, vor sich selbst: nicht rauchen, höchstens zwei Glas Wein, unbedingt impfen gegen jedes Grippe-Phantom. Diese Gesundheitspolitik propagiert einen Menschenschlag, der für irdische Zwecke unbrauchbar wird: den Selbstschontyp, der nichts Wichtigeres im Sinne hat, als sich selbst gesund über die Runden zu bringen, ängstlich besorgt um sein mickriges Wohlbefinden. "Hauptsache, man ist gesund", das ist – als Generalmotto einer nationalen Politik – ein Dekadenz-Symptom. Gesund, wunderbar – doch wozu? Darf man nicht mehr fragen. Haben wir nichts mehr vor, außer, körperlich okay, 100 zu werden?

Also muss die Gesundheitspolitik um 180 Grad gedreht werden. Sie soll die Leute stärken, nicht vor allen Übeln verschonen. Stark wird ein Mensch am Widerstand. Eine Politik, die an kräftigen Bürgern interessiert ist, ermutigt deren Freiheit, sicher nicht deren Unmündigkeit – wie soeben mit den messianischen Nichtrauchergesetzen. Lungenkur als oberstes Staatsziel. Bringt das das Land voran? Doof dürfen Schweizer sein, langweilig sowieso, total unproduktiv auch. Nur rauchen keinesfalls. Rauchen ist auch doof, allein, die Typen, die uns voranbrachten, hatten stets noch anderes im Auge als die Sorge um ihre Lunge. Einstein rauchte, C.G. Jung, General Guisan, Brown & Boveri, Friedrich Dürrenmatt, der Bundesrat in corpore. Überdies tranken sie ein Vielfaches dessen, was das Bundesamt für Gesundheit für zulässig hält. Von Body Mass Index hatten sie alle nichts gehört. Erstaunlicherweise wurden sie steinalt. Und vor allem: Sie wirkten sensationell. Heute gälten sie als charakterschwach.

Der Präventionsstaat hiesiger Ausprägung kümmert sich nicht darum. Er verfolgt stur seinen Hygienefimmel. Obwohl schon rein medizinisch klar ist: Zu viel Hygiene ruiniert unser Immunsystem. Warum sonst wären wir bald alle von Allergien geplagt? Wer sich immerzu um seine Gesundheit kümmert, wird erst recht krank. Wer stets auf Krankheitssymptome schielt, liegt am sichersten flach.

Die Gesundheitspolitik muss ihr Menschenbild korrigieren. Der Mensch ist kein biochemischer Apparat mit einem fixen Energiequantum, mit dem er haushälterisch umgehen muss. Eher ein Dynamo, der sich auflädt, wenn er sich generös verausgabt, an eine Sache, die er leidenschaftlich voranbringen will. Dummerweise ist der aktuellen Gesundheitspolitik schon Leidenschaft suspekt, sie wird verdächtigt, verdammt nahe bei Sucht zu sein, alles katergefährdet. Leidenschaftliche bringen sich leicht um drei, vier Jahre ihrer potenziellen Lebenszeit. Na und? Ist es so schlimm, sich drei Jahre Demenz zu ersparen?

Belämmert an der herrschenden Schweizer Gesundheitspolitik ist die stier quantitative Bemessung des Menschenlebens. Es gibt null Sinn für Drama, Höhenflug, Absturz. Damit schadet die Politik der nationalen Prosperität. Mit ängstlichen Selbstschontypen lässt sich kein anständiger Staat machen.

Ludwig Hasler lebt als Philosoph und Publizist in Zollikon