Der Pulverdampf hat sich verzogen. Von den Spekulanten , die sich angeblich gegen den Euro verschworen hatten, ist kaum noch die Rede. Die Unsicherheit im Handel zwischen den Banken sei die wahre Bedrohung gewesen, hat Frankreichs Wirtschafts- und Finanzministerin Christine Lagarde nun erklärt. Es habe sich gar "nicht um einen Angriff auf den Euro" gehandelt, sagt jetzt auch der Präsident der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, sondern um eine Art Vertrauenskollaps: "Die Märkte funktionierten nicht mehr, es war fast wie nach der Lehman-Pleite im September 2008." Der frühere Bundesbank-Präsident Karl Otto Pöhl hält es für "möglich" und "sogar plausibel", dass die Spekulantenmär von Politikern gezielt verbreitet wurde, um den Bruch des Lissabon-Vertrags zu kaschieren.

Die Bundeskanzlerin aber hat sich bei ihrem Auftritt vor Gewerkschaftern am vergangenen Wochenende für ein Verbot von "Leerverkäufen in einem bestimmten Umfang" ausgesprochen – und den Eindruck erweckt, dadurch ließe sich der Euro vor Spekulanten schützen.

Nun ist es aber so, dass es bei Währungen gar keine Leerverkäufe gibt. Man kann auch nicht gegen eine Währung spekulieren, wie oft gesagt wird, sondern allenfalls darauf, dass ihr Wechselkurs gegenüber einer anderen Währung fällt.

Ein Spekulant, der auf einen gegenüber dem Dollar fallenden Euro setzen will, kann einen Devisen-Future kaufen, mit dem er eine große Euro-Summe zum heutigen Wechselkurs in einem Monat verkauft. Behält er mit seiner Prognose recht und schwächt sich der Euro in den vier Wochen gegenüber dem Dollar wirklich ab, macht er einen Gewinn. Diese Spekulation ist aber nur möglich, wenn der Euro-Pessimist einen Geschäftspartner findet, der für den Euro optimistisch gestimmt ist. Wer "gegen" den Euro spekuliert, braucht immer einen, der "für" ihn spekuliert. Und was der eine gewinnt, verliert der andere.

Kann man auf die Pleite eines Staates spekulieren? Ja, das geht, zum Beispiel mit Ausfallversicherungen auf Anleihen, denn diese werden umso wertvoller, je stärker ein Staat auf die Insolvenz zusteuert. Was aber nicht möglich ist: dass Spekulanten die Pleite eines Staates herbeiführen. Zu einer solchen Pleite kommt es nämlich nur dann, wenn sich unter allen möglichen Geldgebern nicht mehr genügend finden, die dem Staat weiteres Geld geben möchten – ein Generalstreik der Anleihenkäufer sozusagen. Oder wenn sie für ihr Geld so hohe Zinsen verlangen, dass der Staat sie nicht aufbringen kann.

Die großen Geldanleger sind aber weder die Marionetten noch die Geiseln der Spekulanten, sondern sie treffen ihre eigenen Entscheidungen. Sicher, sie schauen dabei auch auf die in der Vergangenheit erfolgreichen Spekulanten. Sie orientieren sich vor allem aber daran, was die anderen Investoren gerade machen. Dieses Herdenverhalten führt manchmal zu dramatischen Kursschwankungen, etwa wenn alle gleichzeitig Anleihen der finanzschwächeren Euro-Länder auf den Markt werfen und keiner sie kaufen mag. Das ist kein Raubtierkapitalismus, sondern Fluchttierkapitalismus.

Das Grundübel der Finanzmärkte sind diese Übertreibungen in die eine oder andere Richtung. Der Markt ist nicht so effizient, wie wir ihn uns wünschen würden. Vielleicht ist er dafür trotz Computereinsatz einfach zu menschlich.