Das ist er also, der Neue, nach dem man so lange gesucht hat: Mouhanad Khorchide. Der, der es allen recht machen soll. Den muslimischen Verbänden, der Wissenschaft, der Politik und nicht zuletzt auch seinen Studenten. Vor denen steht er an diesem Mittwochnachmittag, es ist sein zweiter Tag als Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Münster . Noch als Vertretung, mit dem endgültigen Ruf will die Universität warten, bis sich auch die muslimischen Verbände geäußert haben.

Smart sieht Khorchide aus in seinem schwarzen Anzug, seinem weißen Hemd, mit den vollen schwarzen Haaren, 38 Jahre ist er alt. Ein wenig wirkt er wie eine Mischung aus Unternehmensberater und Pfarrer. In einem kleinen Seminarraum im Erdgeschoss der großen Universität Münster führt er mit leiser Stimme in die Welt der sunnitischen Theologie ein. "Es geht in diesem Seminar vor allem darum, wie wir einen Alltagsbezug zu theologischen Fragen herstellen können", sagt Khorchide vorweg. Die fünf Studentinnen, die hier sitzen, sind Musliminnen, Kopftuch trägt keine, sie studieren auf Lehramt, Sport, Deutsch oder Geschichte und eben das sogenannte Ergänzungsfach "Islamunterricht". Rund 30 Studenten sind es insgesamt am CRS, dem Centrum für Religiöse Studien an der Uni Münster.

Genauso wie Khorchide sind sie noch Exoten in der deutschen Hochschullandschaft, kein Wunder, ihr Schulfach ist erst im Werden. Obwohl auf unsere Schulen fast eine Dreiviertelmillion muslimischer Schüler gehen, können sie einen islamischen Religionsunterricht in deutscher Sprache nur in einigen Modellversuchen besuchen. Ihre religiöse Unterweisung blieb jahrzehntelang den Moscheevereinen überlassen, was kaum der Integration diente.

Die Islamkonferenz bemüht sich, die Sache voranzubringen, und Anfang des Jahres hat auch der Wissenschaftsrat empfohlen, an deutschen Hochschulen Zentren für islamische Studien zu gründen und dort Religionslehrer und Imame auszubilden. Die muslimischen Verbände sollen dabei ein Wort mitzureden haben. Diese Verbände sind umstritten, Kritiker werfen ihnen mangelnden Integrationswillen vor und eine allzu orthodoxe Sicht des Islams. Außerdem vertreten sie nur eine Minderheit der Muslime in Deutschland. Ohne sie gehe es aber nicht, schon aus verfassungsrechtlichen Gründen, sagt der Wissenschaftsrat. Wie schwierig es mit ihnen ist, musste die Universität Münster erfahren, die schon vor Jahren die Zusammenarbeit probte.

Bevor Khorchide in sein Institut kommt, stoppt ihn eine Tür mit Kamera und Zahlencode. "Wir werden jetzt gefilmt", sagt er achselzuckend und tippt die Kombination ein. Diese Sicherheitsschleuse hat nichts mit ihm zu tun, sondern mit seinem Vorgänger. Der deutsche Konvertit Muhammad Sven Kalisch war 2004 der erste Professor für islamische Theologie in Deutschland, eine seiner Hauptaufgaben sollte die Ausbildung von Lehrern für den Religionsunterricht sein. 2008 ging er mit einer heiklen These an die Öffentlichkeit: Er zweifle an der historischen Existenz des Propheten Mohammed. Für einen Wissenschaftler völlig legitim, für einen gläubigen Muslim undenkbar. Kalisch bekam Morddrohungen. Die muslimischen Verbände, die über einen Beirat an das Centrum für Religiöse Studien angedockt waren, kündigten ihre Mitarbeit auf, forderten die Ablösung Kalischs und riefen die Studenten zum Boykott auf. Der Start in die Islamlehrerausbildung geriet zum Fehlstart.