Wir sitzen im Café "Sowohl-als-auch" am Prenzlauer Berg, das von seinem Namen her die Stammkneipe von Realpolitikern und Leitartiklern sein müsste. Aber der einzige Realpolitiker hier ist Christian Lindner, der auch leicht bärtig und in Jeans eleganter wirkt als seine alternative Umgebung. Unser Gespräch dauert noch keine zehn Minuten, da sagt er einen Satz, den man seit vielen Jahren von keinem Liberalen mehr gehört hat, ja der die Fließrichtung des deutschen Liberalismus umzukehren scheint. Der Satz lautet: "Ich weiß es nicht." Einschränkend setzt er hinzu: "Noch nicht."

FDP-Generalsekretär Christian Lindner beantwortet damit die Frage, wie es mit seiner Partei denn weitergehen soll, nun, da sie in NRW aus der Regierung geflogen ist, da ihre Kernthemen Steuersenkung und Gesundheitsprämie vom Tisch sind.

Seit mehr als einem Jahrzehnt sind die Liberalen immerzu auf Sendung, stets hatten sie ein Rezept, sie wollten die Republik durchregieren, umkrempeln, aufwecken, in eine geistig-politische Wende zwingen. Und jetzt sitzt da dieser gerade mal 31 Jahre alte junge Mann, gelernter Philosoph, und sagt: "Ich weiß es nicht."

Ein guter Anfang, vielleicht eine Befreiung.

Intellektuell offen und neugierig: So war auch Westerwelle mal

Ganz ähnlich war es auch vor sechzehn Jahren, als der damals 32-jährige Guido Westerwelle zum Generalsekretär der FDP gewählt wurde. Intellektuell offen war er da, ein neugieriger Gesprächspartner. Sogleich begann er, seine Partei umzukrempeln. Unter Hans-Dietrich Genscher, Klaus Kinkel und Wolfgang Gerhardt war sie nach drei Jahrzehnten ununterbrochenem Regieren selbstzufrieden und spießbürgerlich geworden, zu einem konturlosen Anhängsel der CDU. Daraus hat Westerwelle die Liberalen befreit. Allerdings, und das ist seine Tragödie, hat sich mittlerweile erwiesen, dass man die FDP auch durch überscharfe Kontur und Entbürgerlichung in existenzielle Not bringen kann. Und in Verruf. Keine Partei hat derzeit eine so schlechte Reputation wie die FDP, bei den Wählern, den Medien und am Prenzlauer Berg sowieso. Daran leidet Christian Lindner bitterlich.

Er hat sich viel vorgenommen. Lindner will die FDP von Grund auf verändern. Mit neuen Ideen, wenn das geht, und mit Westerwelle. Hohen Intellekt fordert das und kluge Loyalität. Können Sie das, Herr Lindner?

Angefangen, so erzählt er, hat alles schon als Teenie. Da war er ein übergewichtiges Lehrerkind, das sich in Gruppen wohlfühlte, schon damals gut reden konnte und politischen Anschluss suchte. Die Jusos im Bergischen Land jedoch gefielen ihm nicht, wegen der Ideologie, die Junge Union brauchte keine Ideologie, sondern Bier und Gemütlichkeit, das war ihm auch nicht genug. Erst bei den Jungen Liberalen passte es dann. Der Vater schenkte ihm zur geistigen Initiation die legendären linksliberalen Freiburger Thesen von 1971, in der Originalversion als rororo aktuell- Bändchen. 

Mit 21 Jahren wurde Lindner Landtagsabgeordneter in NRW , der jüngste von allen. Und die Fraktion, in die er am 2. Juni 2000 eintrat, war die des berüchtigten Jürgen W. Möllemann . Für Lindner begann eine Geisterbahnfahrt mit echten Gespenstern, mit Verführung und Verrat, am Ende mit einem Toten, Jürgen W. Möllemann. Mittlerweile, im Rückblick, sieht man diese ganze Phase als dunkles Kapitel an. Doch der Anfang faszinierte viele. Auch Christian Lindner.