Zur Grundausstattung eines deutschen Lebens gehört die Pflanze Mentha x piperita. Das bestätigt jede Umfrage im kleinen Kreis. Dieser Lippenblütler ist zwar selten als lebendige Staude im Haushaltskosmos präsent (außer in den Buden ambitionierter Mojito-Trinker). Doch in der handelsüblichen Form – pro Schachtel 25 Beutel à 2 Gramm geschreddertes Kraut – findet man ihn beim Stöbern in jeder Küche.

Trotzdem ist die Pfefferminze eine Ausnahme. Denn Pfefferminze hat, anders als die meisten traditionellen Kräuterteepflanzen, kein Marketingproblem. Da sie ewig des Deutschen liebstes Heilkraut bleiben wird – zur Pflege der Funktionen von Magen, Darm und Galle –, steht sie auch in hundert Jahren noch als Pfefferminztee im Regal. Die Pfefferminze hat nämlich einen Namen, der für sich selbst spricht. Sie ist eine brand – und deshalb sicher vor den hibbeligen Marketingexperten der Lebensmittelbranche, die der Zwang zur Neulancierung von Produkten plagt wie Harndrang.

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Diese Spezialisten des Wachstums haben das Marktsegment des Beuteltees umgekrempelt. Nicht so massiv, dass es keinen Pfefferminztee mehr gäbe. Aber so massiv, dass man ihn nicht mehr findet.

Das einst überschaubare Beutelkräutertee-Business ist ein unübersichtlicher Dschungel geworden. Früher waren da neben Minze noch Kamille, Hagebutte, Lindenblüte, Fenchel. Heute aber: eine Artenvielfalt wie auf Madagaskar. Dies einerseits, weil die Fülle der Grundsorten zugenommen hat – Grüntee, Rooibos, Mate drängten ins Regal. Andererseits, weil das Marketing gelernt hat, dass etwa die Hagebutte an sich heute keinen Menschen (außer mir) mehr lockt. Aber die billige Hagebutte bringt Rendite, sobald sie versteckt im artenreichen Kräuterteedschungel wuchert.

Die Düsseldorfer Firma Teekanne hat sie in fast jeden Beutel ihrer Premiumsorten hineingestopft, ohne dass man sie sieht. Als diskrete Ingredienz steckt sie im "Sweet Kiss", im "Frechen Flirt" und in der "Heißen Liebe". Keine "Kleine Sünde" kommt in die Tasse ohne Hagebutte, keine "Pure Lust". Auch wer "Herzkirsche", "Himmelsbeere" oder "Liebesfrucht" schlürft, trinkt unter anderem Hagebutte. Bestimmt wird auch die Produktlinie "Harmonie für Körper und Seele" vollständig von Menschen weggetrunken, die keinen Hagebuttentee trinken möchten. Trotzdem tun sie es, wenn sie "Einfach schön" von Teekanne aufgießen. "Hüttentraum", "Papaya de Tropica", "Mara de Cuja" – alles Hagebuttentee.