Es ist dieser Geruch, der so verräterisch ist. Eine Mischung aus Bohnerwachs und Eintopf – wenn ihm dieser Geruch in die Nase steigt, dann wird Elmar Spicker nervös. Dreht sich um, mustert jeden, der in seiner Nähe steht. Bohnerwachs und Eintopf, diese Mischung vergisst er nicht, denn das ist typischer Knastgeruch. In einem solchen Moment hat Spicker seine Frau oft angestoßen und ihr zugeflüstert: Der da muss ein Knastbruder auf Freigang sein. Und dann haben sie auf die Hände des Mannes geschaut. Tatsächlich, da waren sie, drei blaue Punkte, nach Art der Gefangenen eintätowiert zwischen Daumen und Zeigefinger: Glaube, Liebe, Hoffnung. Seine Frau reagiert heute noch verblüfft, wenn Elmar Spicker mal wieder jemanden entlarvt. "Einen Mörder erkenne ich nicht auf Anhieb, einen Knastbruder immer."

Elmar Spicker hat dreizehn Jahre seines Lebens im Knast zugebracht. Auf der anderen Seite der Zellentür. Er war der Mann mit dem Schlüssel, zuständig für die Sicherheit der Straftäter. Gegen die Bezeichnung Wärter hat er sich immer gewehrt. "Wärter gibt es im Zoo, wir haben es mit Menschen zu tun."

Wer ihn besuchen will – zunächst geht es grob in Richtung Trier. Dann werden die Straßen schmaler, schließlich ein Weg hin zum "Haus Kuchental", einem umgebauten Bahnwärterhaus, oberhalb des Dorfes Schmidtheim gelegen. 64 Jahre ist Spicker heute, zuletzt hat er als Amtsdirektor den Aufbau Ost vorangetrieben und sich danach dem Ausbau seines Hauses gewidmet. Backsteinmauern unter Efeu, sanft verwitterte Tische und Bänke im Schatten sorgfältig beschnittener Bäume.

Trotz dieser Idylle holt ihn die Vergangenheit immer wieder ein. Er verwahrt sie in den Fotoalben, die überall in den selbst gezimmerten Regalen stehen. Ob Jürgen Bartsch, der pädophile Serienmörder, der Kölner Pleitebankier Iwan D. Herstatt, die DDR-Spione Günter und Christel Guillaume oder die RAF-Terroristen Meinhof, Baader, Raspe, Ensslin, Meins – die bekanntesten Häftlinge in vierzig Jahren Bundesrepublik wurden zu ihm gebracht.

Die Justizvollzugsanstalt (JVA) Köln-Ossendorf, seit 1969 in Betrieb, hat Platz für gut tausend Häftlinge. Eine fast zwei Kilometer lange, über fünf Meter hohe Mauer umgibt das Gefängnis. Hier beginnt Elmar Spicker Anfang der siebziger Jahre seinen Dienst. Er ist in Pulheim im Kölner Umland aufgewachsen. Schmeißt dann zwei Jahre vor dem Abitur die Schule. Von Leistungsdruck und Beschaulichkeit hat der langhaarige junge Mann genug. Spicker will raus, Matrose zur See werden, jobbt aber dann doch nur rum. Er holt den Schulabschluss nach und geht 18 Monate zur Bundeswehr. Der Dienst lehrt ihn, dass sich der Einzelne unter dem Druck einer Gruppe "erbärmlich verhält". Spicker macht Bekanntschaft mit Leuten, die bereit sind, "für den persönlichen Vorteil ihre eigene Mutter zu verraten".

Als guter Sportler kann er sich in der Kaserne mehr herausnehmen. "Ich blamierte Vorgesetzte, wenn sie unangenehm aufgefallen waren. Dann lästerte ich über ihr mangelhaftes Deutsch oder kreidete ihnen ihre Rechtschreibefehler an." Das ist Kraftmeierei mit einem Anflug von Zivilcourage. Die Vorgesetzten reagieren mit Strafdiensten, die Zusammenstöße werden heftiger. Bis der Rekrut nach einer Massenschlägerei den verschärften Arrest zu spüren bekommt. Er findet es übertrieben und erniedrigend: "Du marschierst ohne Hosengürtel und in Schuhen ohne Schnürsenkel. Unter Bewachung!"