Ein komplettes Fichtenwäldchen steckt in den Wänden der schicken fünfstöckigen Neubauten. Es sind die ersten komplett aus Holz errichteten mehrgeschossigen Wohngebäude in Deutschland. Als tragende Strukturen wurden in den drei Häusern gut tausend ausgewachsene Bäume verbaut.

Allerdings ist davon nichts mehr zu sehen. Denn vor den Fassaden klebt jeweils eine 20 Zentimeter dicke, weiß verputzte Dämmschicht. Auch alle Zwischendecken und Innenwände sind verkleidet, mit Rigips. Unsichtbar dazwischen stecken zehn Zentimeter dicke Fichtenholzplatten. Sie tragen das massive Gebäude und sorgen gleichzeitig für die Wärme- und Feuchtigkeitsregulierung.

"Um in konventioneller Bauweise den gleichen Passivhausstandard zu erreichen, hätten wir die Wandstärke um die Hälfte erhöhen müssen", sagt Frank Müller, Architekt der drei Vollholzgebäude auf einem ehemaligen Schlachthofgelände im Berliner Prenzlauer Berg. "Mit den eingesparten Zentimetern haben wir Platz für eine zusätzliche Wohnung gewonnen." Die 41 Parteien des Mehrgenerationen-Wohnprojekts, darunter der Architekt selbst, konnten genau ein Jahr nach Baubeginn einziehen. An dem konventionellen Wohnblock auf der gegenüberliegenden Straßenseite muss drei bis vier Monate länger gebaut werden.

Bessere Dämmung, angenehmes Raumklima, weniger Kältebrücken, kürzere Bauzeit – auch anderswo haben in den letzten Jahren Bauherren und Architekten die Vorzüge des Baustoffs Holz im Geschosswohnungsbau entdeckt. Gleich um die Ecke der ersten reinen Holzgebäude sind im vergangenen Jahr zwei Siebenstöcker entstanden, für deren Statik neben sehr viel Holz nur noch geringe Mengen Stahl und Beton eingesetzt wurden.

Vorreiter war 2006 ein sechsgeschossiges Wohnhaus in Steinhausen bei Zürich, das auch noch gegen ein mögliches Erdbeben gesichert werden musste. Und im Londoner Stadtteil Hackney wurde Ende 2008 ein neunstöckiger Wohnblock fertiggestellt, bei dem sogar das Treppenhaus und der Fahrstuhlschacht ganz aus Holz bestehen. In Deutschland ist das aus Brandschutzgründen noch strikt verboten.

Während der Rohstoff aus dem Wald als Baumaterial für Ein- und Zweifamilienhäuser hierzulande einen Marktanteil von rund 15 Prozent erobert hat, spielt er bei Gewerbeimmobilien und mehrgeschossigen Wohnungsbauten bisher kaum eine Rolle. Die Neubauten in Prenzlauer Berg waren nur mit Ausnahmegenehmigungen möglich. Und dazu gehörte die Auflage, Treppenhäuser aus Beton zu gießen und alle tragenden Holzteile komplett zu verkleiden – aus Angst vor einer Feuersbrunst, wie ihr früher ganze Fachwerkstädte zum Opfer fielen. "Dabei kann man heute auch für Holzbauten ausreichenden Brandschutz vorab genau berechnen", sagt Architekt Müller und vermutet einen anderen Grund hinter den Hürden der Bauordnung: "Die Betonlobby ist noch sehr stark."

"Unsere Elemente sind so stabil, dass man daraus sogar 20-stöckige Hochhäuser bauen könnte", versichert Theodor van Kempen, Leiter der deutschen Niederlassung der österreichischen Firma klh, von der die Holzplatten für das Haus im Prenzlauer Berg und den Londoner Wohnblock stammen. Doch weil so etwas in der EU nirgendwo zulässig ist, produziert klh bisher vor allem für Einfamilienhäuser.