Den gleichen Ton schlägt Kushal Pal Singh Yadav an, Klimaexperte beim Zentrum für Wissenschaft und Umwelt in Delhi, einer international renommierten indischen Nichtregierungsorganisation. "Die westliche Vorstellung, dass Indien und China für das Scheitern von Kopenhagen verantwortlich seien, ist vollkommen falsch", sagt Yadav. Was die EU und die USA in Kopenhagen als verbindliche Ziele für den CO₂-Abbau bis 2050 gefordert hätten, sei in Wirklichkeit ein unverbindliches Langfrist-Angebot gewesen, das sich um die teuren kurz- und mittelfristigen Ziele herumgedrückt habe. Zudem habe man die nicht eingehaltenen Versprechen des Kyoto-Protokolls schlicht übergangen. Zu Recht hätten Indien und China den Deal daher abgelehnt, sagt Yadav. Aber er verzweifelt deshalb nicht. "Delhi und Peking machen das Notwendige", sagt Yadav.

Sowohl Yadav in Delhi wie auch Li in Peking erinnern daran, dass China und Indien schon vor Kopenhagen ihre Prinzipien geändert hätten. Beide Länder legten damals umfangreiche Programme zur Emissionsbegrenzung auf, die national, aber nicht international bindend sind. Zugleich verabschiedeten sie sich von ihrer alten, unausgesprochenen Prämisse, dass Klima- und Wachstumspolitik einander widersprächen und im Zweifel immer das Wachstum vorgehe. Eben deshalb geben sich Yadav und Li optimistisch: Hauptsache, die Riesenreiche Indien und China unternehmen wirklich etwas für den Klimaschutz, ob nun mit oder ohne internationale Abkommen. Daran aber gibt es kaum einen Zweifel: Vor allem die erneuerbaren Energien in beiden Ländern boomen. "Indien hat ein riesiges neues Solarprogramm mit vielen dezentralen Anreizen für die Industrie. Davon kann China lernen", beobachtet Li in Peking. Yadav hingegen lobt China als das Land, das Solar- und Windenergie mit billiger Technik und einem großen Markt überhaupt erst global wettbewerbsfähig gemacht habe. "Doch nicht einmal bei den erneuerbaren Energien sehen die Europäer China als Partner, sondern als Bedrohung für ihre Industrie", sagt Yadav.

Für den indischen Ökonom und Philosophen Prem Shankar Jha, Autor zweier Bücher über die Beziehungen zwischen Indien und China, steht die Klimapolitik ohnehin im Rahmen größerer wirtschaftlicher Verschiebungen. "Die Leute, die heute noch Macht in den internationalen Institutionen haben, haben sie in der wirtschaftlichen Realität längst nicht mehr", sagt Jha. Kopenhagen sei für ihn das beste Beispiel dafür. Wichtig sei eben nicht, was Europa tue. Europa aber habe in Kopenhagen die Klimagesetze für die ganze Welt schreiben wollen. Wichtiger sei, was China und Indien fortan in den Klimaschutz investierten. Dafür wolle der Westen bisher zu wenig tun, schon beim Technologietransfer nach China mache er nicht mehr mit. Das habe bereits heute zu einem grundsätzlichen Vertrauensverlust geführt. "Indien und China fürchten einen Handelskrieg mit CO₂-Steuern, für den der Westen die Klimafrage zum Vorwand nimmt", sagt Jha.

"Wir können gemeinsam Stopp sagen, wenn wir uns bedroht fühlen"

Vor allem in Peking nötigt die Kopenhagen-Erfahrung der Regierung ein Umdenken ab: China spielt ökonomisch in einer anderen Liga als Indien, deshalb nahm man den südlichen Nachbarn bislang eher am Rande wahr. Doch nun bemerkt das Parteiblatt China Daily zum Ramesh-Besuch in Peking: "China und Indien haben gemeinsame Interessen beim Aufbau ihrer nationalen Ökonomien, und ihre Volkswirtschaften ergänzen sich zunehmend." Solche allgemeinen Bekenntnisse zu Indien hatte die KP bisher immer vermieden. Indien ignorierte man. Das ist jetzt vorbei. Kopenhagen gab dafür einen entscheidenden Anstoß.

Denn schon einmal scheiterte der Versuch, beide Länder energiepolitisch enger aneinander zu binden. 2006 wollte der damalige indische Ölminister Mani Shankar Aiyar ein Kartell der asiatischen ölimportierenden Länder gründen. Dafür unterzeichnete er in Peking eine bilaterale Vereinbarung – die jedoch ohne Folgen blieb. Denn um die Ölquellen konkurrieren Indien und China. Anders ist das beim Klimaschutz und den erneuerbaren Energien. "China und Indien werden beide Technologieführer bei den erneuerbaren Energien sein, aber sie werden zugleich nicht ohne gegenseitigen Technologietransfer auskommen. Zudem wollen sie beide Technologie aus dem Westen", sagt die China-Expertin Alka Acharya von der Jawaharnal-Nehru-Universität in Delhi.

Doch dieses gemeinsame Empfinden für die Herausforderungen des Klimaschutzes sei für Delhi und Peking noch ganz neu. "Vor Kopenhagen war alles nur Gerede. Jetzt ist es handfest", beobachtet Acharya. Was der "Geist von Kopenhagen" wirklich bedeute? "Der Geist besagt: Wir Inder und Chinesen sind flexibel! Aber wir können gemeinsam Stopp sagen, wenn wir uns bedroht fühlen", sagt Acharya. Mag sein, dass die beiden Nationen in Zukunft auch noch deutlicher sagen, was sie vom Westen wollen. Auf die Defensive folgt dann die Offensive.