Finn-Ole Heinrich wurde 1982 in Henstedt-Ulzburg geboren, Zuletzt erschien von ihm der Kurzgeschichtenband "Gestern war auch schon ein Tag" im Mairisch-Verlag © Lutz Edelhoff

Effi Briest? Lieber Punk!

Von Finn-Ole Heinrich

Ich erinnere mich, wie ich als 16jähriger geschworen habe, bei jeder sich bietenden Gelegenheit über Fontane und seine Effi Briest zu fluchen. Was hatte dieser behäbige, langatmige Schinken mit meinem Leben und meinen Problemen zu tun? Ein Mädchen wird von einem lahmarschigen Baron geheiratet! Langeweile in Hinterpommern! Was habe ich mich aufgeregt über diese Gesellschaft, in der das Aufrechterhalten der Fassade so unsagbar wichtig war. Über einen schwachsinnigen Ehrenkodex. Vor allem über Fontane, der mich mit seinen seitenlangen Beschreibungen von Licht und Schatten gequält hat. Und der alles so ermüdend genau durchkonstruiert hatte, dass Schüler auch gute hundert Jahre später noch jedes langweilige Detail deuten und interpretieren durften: Platanen, Schaukel, Efeu und ein geheimnisvoller Spuk-Chinese, der die kleine Effi ängstigt. Wie weit war das von allem entfernt, was mich umgab? Was interessierte mich Ehre und ein Mädchen, das sich einen Märchenprinzen hinfantasiert und beim Aufwachen den Lover ihrer Mutter an der Backe hat, langweilig und mehr als doppelt so alt wie sie? Ich wollte Punk hören, Schule schwänzen, rebellieren, was haben mich die Rhabarberstauden auf dem Rondell vor dem alten Herrenhaus interessiert?

Aber so richtig gelingen will es mir nicht, dieses Buch so sehr zu hassen wie damals. Wenn ich heute durch die Themen jogge, sehe ich natürlich eine Reihe aktueller Bezüge: Was denken andere von mir, was sollen sie denken, wie sehr verbiege ich mich, um ein bestimmtes Bild zu erzeugen? Ehrenmord, Zwangsheirat, Jungfräulichkeit. Oder, was Effi in ihrer nervtötenden Art zielsicher auf den Punkt bringt, dass eine Flucht in die Vorstellung der allmächtigen Liebe mit ziemlicher Sicherheit in die Hose geht. Dass, naja, wer sich nicht selbst trägt, auch nicht von der Liebe getragen wird. Erst Recht nicht von diesem muffigen Baron. Auch wenn sich bestimmte Konventionen verflüchtigt haben: wer lebt nicht in und mit den Zwängen seiner Erwartungserwartungen?

Fällt mir schwer, dieses Buch kurzerhand aus dem Kanon zu putzen. Wahrscheinlich bleibt mal wieder alles am Lehrer hängen, der Bezüge zum Jetzt herstellen und packende, kluge, spannende aktuelle Themen in ein scheinbar antiquiertes Buch flechten muss. Vielleicht sollte er nicht die staubige Videokassette der Fassbinder-Verfilmung aus dem Keller holen, sondern lieber Feo Aladags die Fremde zeigen.