Kevin Vennemann wurde 1977 in Dorsten geboren. Zuletzt erschien von ihm der Roman "Mara Kogoj" im Suhrkamp Verlag

Was ist ein Klassiker? Ein Buch, das gebraucht wird?

Von Kevin Vennemann

Ich glaube, ich will gar nicht "ausmisten". Es gibt mehr als genug Klassiker-Autoren, die ich nicht ausstehen kann (Martin Walser, Böll, Koeppen, Borchert, Grass, Benn ...); Autoren, von denen ich mir gar nicht vorstellen mag, dass die jemals wirklich jemand hat lesen wollen. Zu behaupten jedoch, dass sie oder nur irgendein Autor eines Klassikers diesen Status nicht verdient hätten, das würde ich dann doch nicht wollen.

Jede Generation von Lesenden wird sich mehr oder weniger bei Sinnen aus der Literatur ihrer Zeit herausgesucht haben, was eben dieser Zeit gerecht zu werden schien. Man wird dafür gute Gründe gehabt haben oder schlechte, und es wird Gründe geben, warum die einen Autoren heute eher vergessen, die anderen einfach nicht loszuwerden sind. Solche Gründe muss man nicht mögen, ausreichend Interessantes jedoch werden zu sagen haben über sowohl den Text und insbesondere seine Leser als auch die Jahre seit dem ersten Erscheinen.

Ohne sehr viel über Rezeptionsgeschichtsschreibung zu wissen, scheint mir nahe zu liegen, dass solche Gründe damit zusammenhängen, wie sehr ein Text zu seiner Zeit gebraucht worden ist, von dem man sich eigentlich gar nicht vorstellen will, dass derlei irgendjemand irgendwann einmal gebraucht hat. Scheint ein solches Gebrauchtwerden lang genug jedoch anzuhalten, um Autor und Werk über die Zeit und bis in die Gegenwart hinein zu schleppen, kann ihnen das eigentlich kaum mehr jemand nehmen.

Sehr viel länger gebraucht worden zu sein als der Durchschnittstext – ist das, was einen Klassiker ausmacht? Aber wer will entscheiden, dass das eine Brauchen mehr Wert gewesen sei als das andere, ohne ganz genau zu wissen, wann was warum und von wem gebraucht worden ist? Und sowieso: Wer kann von ihrem eigenen Werk schon behaupten, dass es wirklich gebraucht wird? Ich nicht. Schade eigentlich.