Susanne Heinrich wurde 1985 in Leipzig geboren. Zuletzt erschien von ihr der Roman "So, jetzt sind wir alle mal glücklich" bei Dumont

Wo ist der neue Remarque?

Von Susanne Heinrich

Die meisten Bücher in den sogenannten Kanons stehen felsenfest, und ab und zu rüttelt einer an ihnen, um sich dessen zu versichern. Für solche Späße bin ich schlicht zu ungebildet. Hermann Hesse ist nun mal der einzige Seelsorger der Jugend, und selbst Fontanes Effi Briest konnte man irgendwann einmal etwas abgewinnen, auch wenn man längst vergessen hat, was. Bücher aussortieren oder gar ungeschrieben machen zu wollen steht mir nicht zu. Stattdessen wünsche ich mir eins: Einen Roman, der den Platz von Remarques Im Westen nichts Neues einnimmt. Einen neuen Kriegsroman über einen neuen Krieg. Über einen, der nicht aus harten Stellungskämpfen und blutiger Metzelei, sondern komplizierter Strategie und nervenzerreißender Warterei besteht.

Einen, in dem die Fronten weniger klar sind, weil er in Zeiten der Verschwörung und des Terrorismus, in Zeiten des Turbokapitalismus und des Niedergangs der Großmächte stattfindet. Ein Roman über einen Krieg, der nicht in aller Munde ist und alle gleichermaßen betrifft, sondern offiziell nicht existiert, obwohl er längst alle Kriterien eines Krieges erfüllt: den deutschen Krieg in Afghanistan. Als ein guter (Anti-)Kriegsroman müsste er es verstehen, durch akribische Schilderungen die Grausamkeit und Sinnlosigkeit kriegerischer Handlungen genauso zu verdeutlichen wie die so faszinierende wie erschreckende archaische Ästhetik der Gewalt und Macht. Er sollte im besten Falle enttarnen, mindestens aufklären: über neue Arten der Kriegsführung, neue Gegner, neue Opfer, neue Technik, Waffen, Rhetorik. Er müsste es schaffen, eine adäquate Form für dieses ambivalente und komplexe Gebilde, den "modernen Krieg" zu finden. Er könnte in der Lage sein, das Kriegsbild einer ganzen Generation zu prägen, Allgemeingültigkeit zu erlangen und später einmal als Relikt taugen, als Erinnerungsstütze und Teil eines kollektiven Gewissens. Er müsste im Hemingway’schen Sinne wahr sein. Aber wer könnte so einen Roman schreiben? Clemens (Meyer) , du vielleicht?