Steffen Popp wurde 1978 in Greifswald geboren. Zuletzt erschien von ihm der Gedichtband "Kolonie zur Sonne" bei kookbooks

Grass’ Rättin? Ab auf den Dachboden

Von Steffen Popp

Der literarische Frühjahrsputz beginnt bei Franz Kafka : Das Schloss bekommt einen Logenplatz. Der Process hingegen rückt für 2010 in die Ecke. Die Verwirrungen des Zöglings Törleß von Robert Musil legen wir gleich in eine Kiste und entstauben dafür sein fantastisches Romanfragment Der Mann ohne Eigenschaften . Weiteres Ausräumen: Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz – überschätzt. Die Jahrestage von Uwe Johnson – auf jeden Fall zu dick, und er schrieb Besseres. Kindheitsmuster von Christa Wolf (keine Erinnerung an irgendeinen Inhalt). Unerträglich: Die Rättin von Günter Grass . Ab damit auf den Dachboden.Weiter im Lyrikregal: Günter Eichs Gedicht Inventur, es kotzte mich schon zu Schulzeiten an. Kein gutes Gedicht hinterließ Erich Fried . Es ist, was es ist – um des lieben Frühlings willen, raus damit aus dem Regal. Alles Gereimte von Gottfried Benn wird zu seinem eigenen Besten mit einem Cutter entfernt. Sämtliche Gedichte von Hermann Hesse gehen an Oxfam. Die Cantos von Ezra Pound wandern auf den Dachboden, allerdings obenauf; der graue Wintertag, an dem wir sie wieder hervorholen und uns mit ihnen herumärgern, kommt bestimmt.

Nach dieser Beräumung werden neu eingestellt oder besser platziert: Molloy von Samuel Beckett , Anton Voyls Fortgang von Georges Perec , Jakob von Gunten von Robert Walser und Die Schule der Dummen von Sascha Sokolow . Welimir Chlebnikows Werke ist unser Jahresbuch für 2010. Voilà: Jetzt noch die Buddenbrooks durch legende von Ronald M. Schernikau und Infinite Jest von David Foster Wallace ersetzt, und der Frühling kann kommen.