Thomas Klupp, geboren 1977 in Erlangen. Zuletzt erschien von ihm der Roman "Paradiso" im Berlin Verlag

Döblins Franz Biberkopf? Lebt nicht!

Von Thomas Klupp

Ich habe Berlin Alexanderplatz von Alfred Döblin dreimal gelesen. Einmal bis Seite 20, einmal bis Seite 34, einmal bis Seite 43. Ich werde das Buch nochmals lesen, vielleicht schaffe ich es nächstes Mal bis Seite 70, 2020 dann vielleicht bis Seite 100. Ich mag das Buch nicht, mag nicht, dass mir eingangs berichtet wird, was auf den folgenden Seiten passiert, wie es endet und was die Moral von der Geschichte ist. Ich will als Leser nicht entmündigt werden, will keine Figur wie diesen Franz Biberkopf sehen, der in Laborrattenmanier durch einen Versuchsaufbau gehetzt wird, bis am Schluss die Hypothese des Forschers/Autors belegt worden ist. Ich mag auch die Sprache nicht. Die Sprache ist sperrig und unelegant, die Geschichte zerfranst, fasert aus. Die Proportionen stimmen nicht. Ich glaube überdies: So wie in Berlin Alexanderplatz ist die Großstadt nicht. War sie vielleicht mal, ist sie aber nicht mehr. Das Buch hat keine Gegenwart, es lebt nicht mehr. Das Buch ist vorbei. Ich lese es trotzdem, lese es wieder und wieder, so lange, bis ich es begreife. Ich hege den Verdacht, Berlin Alexanderplatz nicht zu begreifen. Etwas entgeht mir, mutmaße ich. Ich weiß nicht, ob dieser Verdacht stimmt. Es ist ein Verdacht gegen mich selbst. Der Verdacht des literarischen Leichtgewichts gegen sich selbst. Döblin hat nichts damit zu tun. Döblin ist das Schwergewicht, das mich regelmäßig zu Boden streckt. Berlin Alexanderplatz ist seine Rechte, ich führe sie, sie zielt stets auf meinen Unterleib.