Clemens Setz wurde 1982 in Graz geboren

Bachmann? Kaum zu ertragen

Von Clemens Setz

So viele Leute, nein, im Grunde fast alle, die ich kenne, lieben und verehren Ingeborg Bachmanns Malina . Ich nicht. Die Leute lesen es und loben hinterher jedes Mal dasselbe: die wunderbare Art, mit der dargestellt wird, wie das weibliche Ich (denn das ist die Hauptfigur in diesem Buch und nicht mehr, keine dreidimensionale Figur) an der männlich dominierten Welt zugrunde geht. Und ich verstehe sogar, warum sich so viele Leute darüber freuen – und freue mich leider nie mit. Denn dieser Roman ist in seiner ungenauen, mal rezitativartigen, mal pathetisch überhöhten Hilflosigkeitsprosa für mich wirklich kaum zu ertragen. Die viel gelobten und viel beschworenen "Träume" aus dem dritten Teil sind an Peinlichkeit und – teilweise – Lächerlichkeit nicht zu überbieten. Das war schon so bei der ersten Lektüre, und jede weitere Lektüre macht es nur noch schlimmer, und noch mehr negative Adjektive gesellen sich zu den alten: formlos, übertrieben, pseudo-poetisch, in sich widersprüchlich (und dies nicht einmal auf eine bereichernd-irritierende Art). Und die Liste wird immer länger und immer unfairer, und ich bekomme, selbst jetzt beim Schreiben dieser Zeilen, ein schlechtes Gewissen. Ein ähnlich schlechtes Gewissen wie damals, als ich die Bücher von Botho Strauß las und einfach nicht begreifen konnte, was alle daran finden. Nun ja, der Fehler liegt bestimmt bei mir. Mögen die, denen dieses Buch die Welt luzider und interessanter macht, mir nicht böse sein. Mögen andere vor ihm niederknien. Und sich am Ende sogar an dem so oft zitierten letzten Satz erfreuen: "Es war Mord" – und mir die Bemerkung verzeihen, dass es mir als wenig mehr als eine hohle literarische Geste vorkommt, wenn man das vielstimmige Chaos, aus dem man besteht, einfach in einen unübersichtlichen Männlichkeit-versus-Weiblichkeit-Tatort verwandelt.