Wäre die Stadt Meran auf der Suche nach einer neuen Wappenfarbe, es spräche vieles für Orange. Orange wie eine Süßsauersoße beim Chinesen leuchtet es aus den bauchigen Gläsern, die auf fast jedem Cafétisch an der Freiheitsstraße im Zentrum des ältesten Kurorts Südtirols stehen.

Weißwein, Aperol, Mineralwasser: Das sind die Zutaten für den Veneziano, einen Cocktail, auf den sich in diesem Frühjahr hier offenbar alle geeinigt haben. Die Meraner und die Touristen. Die Ehepaare aus Deutschland und die jungen italienischen Mütter mit den dreirädrigen Kinderwagen. Die Hornbrillenträger und die Schüler mit ihren wollenen Ballonmützen. Meran ist orange gepunktet. Vormittags in den Einkaufsstraßen. Mittags vor den Pizzerien. Nachmittags im Panoramarestaurant oben an der Sesselliftstation. Nachts in den Bars. Der Veneziano schmeckt frisch und fruchtig und beduselt gerade so viel, dass die weiß gekalkten Altstadthäuser und die Schneereste auf den Alpengipfeln etwas pastelliger wirken.

Es gab Zeiten, da trank man keine Cocktails in Meran. Die Touristen, die in Bussen über den Brenner anreisten, kauften holzgeschnitzte Engel in den Geschäften. Sie kamen zur Apfelblüte und wohnten in Pensionen. Der Mythos der Kaiserin Sisi, die hier im 19. Jahrhundert mehrere Kuraufenthalte verbrachte, zog die Leute an.

"Volksmusik und Après-Ski, mehr gab es bei uns nicht"

Hätte man den Südtiroler Satiriker Norbert C. Kaser in den siebziger Jahren nach der Farbe von Meran gefragt, er hätte wahrscheinlich geantwortet: Beige. Beige wie Filterkaffee mit Milch. Seine Häme steckt den Meraner Touristikern bis heute in den Knochen. "Du gutes bundesdeutsches Altersheim, du feingliedrige Braut des Südens & schon Rentnerin, mit Magnolien geziert…", spottete Kaser. Das Image der altmodischen Kurstadt klebte bis in die späten Neunziger an Meran. Langsam löst es sich ab.

Das hat auch mit Melanie Aukenthaler zu tun. Ihre Clublounge Sketch ist der Treffpunkt der Jugend. Tische und Stühle stehen vor der Tür und sind noch nicht wieder reingeräumt. Früher wäre so etwas unmöglich gewesen, jedenfalls um 23 Uhr. An der Flusspromenade mit den mächtigen Jugendstilvillen herrschte tagsüber Betrieb, wenn die Kurgäste hier frische Luft atmeten, um – wie Franz Kafka im Sommer 1920 – die Tuberkulose auszuheilen. Das gesunde Mikroklima beschert Meran 300 Sonnentage im Jahr und eine Flora aus Palmen, Lorbeer und Libanonzedern.

Melanie Aukenthaler, gebürtige Meranerin, in weißer Bluse und wadenlangem Rock schlichter gekleidet als ihre Gäste, serviert einen Veneziano nach dem anderen. Noch vor ein paar Jahren wären jetzt die elf Glockenschläge von der katholischen Pfarrkirche und das Gurgeln des Flusses Passer die einzigen Geräusche gewesen. Sie wären vielleicht in die Träume der Touristen eingesickert, die in ihren Hotelbetten schliefen und sich von den Wannenbädern im radonhaltigen Thermalwasser erholten. Die jungen Einheimischen hätten weder Passer noch Glocken gehört, zumindest nicht am Wochenende. Denn dann fuhren sie zum Feiern nach Bozen, Mailand oder München. "Ausgehen in Meran, das war praktisch nicht möglich. Volksmusik und Après-Ski – mehr gab es nicht", sagt Melanie Aukenthaler. Heute führt der Weg der Nachtschwärmer auch in die umgekehrte Richtung.