Immer wieder landet Michael Lewis in seinem neuen Buch in Düsseldorf. Der Amerikaner arbeitete in den 1980er Jahren kurzzeitig für die wildesten Anleihenhändler der Wall Street, schrieb ein umjubeltes Buch darüber und ist seither Magazin- und Buchautor. Nun erzeugt er große Aufregung mit seinem neuesten Werk: Es geht darum, wie das Finanzsystem so dramatisch versagen konnte. Als der Immobilienboom in den USA seinen Höhepunkt erreichte, tauchte vermehrt die Frage auf, wer in aller Welt die Wertpapiere noch kaufe, die da eilig an der Wall Street aus Schrotthypotheken gebastelt wurden. Antwort: Düsseldorf. Oder allgemeiner: idiotische Banker in Deutschland.

Der Bezug ist leicht herzustellen. Derzeit muss sich der ehemalige Chef der IKB Deutsche Industriebank, Stefan Ortseifen, vor Gericht verantworten , weil er im Jahr 2007 die Situation seines Hauses schöngemalt haben soll – kurz bevor die Bank gerettet werden musste, weil sie sich mit Schrotthypotheken aus den USA vollgesogen hatte. Der Düsseldorfer Manager verteidigt sich unter anderem mit einem Angriff auf die Deutsche Bank, die der IKB solche Giftpapiere verkauft und ihr etwas später die Kreditlinie gestrichen hatte.

Die Deutsche Bank ist eines der führenden Häuser an der Wall Street, und das auch, weil ihre Experten das Desaster relativ früh kommen sahen. Nun muss sie sich nicht nur vor deutschen Gerichten erklären. In den USA wird gegen Großbanken ermittelt, die in großem Stil mit Hypothekenkrediten gehandelt haben. Die Börsenaufsicht hat sich zunächst mit dem Krösus der Branche angelegt. Goldman Sachs soll arglosen Kunden Hypothekenbündel verkauft haben , ohne ihnen zu sagen, dass die Zusammensetzung von einem Spekulanten beeinflusst wurde, der gegen ebendiese Hypotheken wetten wollte. Doch die Aufseher ermitteln, undementierten Berichten zufolge, auch gegen die Deutsche Bank und andere. Zudem untersucht der Generalstaatsanwalt des Staates New York, ob die Banken nicht Investoren und die zur Bewertung der Papiere herangezogenen Rating-Agenturen in die Irre geführt haben.

Schuld und Sühne nach dem großen Knall. Da kommt das bislang beste Buch zur Krise gerade recht. Michael Lewis erzählt die Geschichte dreier Außenseiter, die den Wahnsinn früh erkannten und mit Wetten auf den Zusammenbruch reich wurden.

Einer ist Steve Eisman, ein Finanzanalyst mit Juraausbildung, ohne Manieren, im Gespräch fast zwanghaft ehrlich, stets das Negative im Blick. Eisman erkennt und mag es doch zunächst kaum glauben, wie sich die Wall Street auf Kosten der einfachen amerikanischen Hauseigentümer bereichert. Noch früher sieht ein gelernter Arzt namens Michael Burry das riesige, zum Scheitern verurteilte Schneeballsystem. Ein menschenscheuer Zahlen- und Computerfreund, besessen von seiner jeweiligen Beschäftigung und überaus erregbar, wenn es unfair zugeht. Burry macht etwas eigentlich Selbstverständliches, das doch bisher so gut wie kein Investor auf dem Hypothekenmarkt getan hat. Er studiert die Prospekte der Hypothekenbündel und stellt fest: Der Anteil von Krediten, die wohl nie zurückgezahlt werden, steigt dramatisch, ohne dass es irgendjemanden kümmert. Charlie Ledley, ein kleiner Spekulant mit Garagenfirma in einem Universitätsstädtchen, vervollständigt Lewis’ Trio. Er wettet mit seinem Partner grundsätzlich auf Entwicklungen, die an der Wall Street für ausgeschlossen gehalten werden. Und nichts ist kurz vor dem Crash ein größeres Tabu als die Idee, dass die Häuserpreise in Amerika eines Tages nicht mehr steigen würden und das System immer verwegener werdender Kredite zusammenfallen könnte.

Die Geschichte der drei ist spannend erzählt, bis hin zum großen Kassieren. Doch das Besondere ist, dass Lewis durch ihre Augen das Finanzwesen klar und präzise entlarvt. Es lohnt sich, die verschiedenen Stufen des großen Spiels Revue passieren zu lassen, um herauszufinden, wie die Märkte künftig reguliert werden müssen.

Das Vorspiel fand schon in den achtziger Jahren statt. Clevere Investmentbanker entdeckten: Mit Krediten geringer Güte lassen sich lukrative Geschäfte machen. Man muss nur viele der Forderungen an schwache Schuldner in ein Wertpapier packen und erklären, dadurch sei das Risiko gestreut und also das Wertpapier weniger wacklig als seine Einzelteile. Hat man viele solcher Papiere, lässt sich wunderbar weiterspielen. Man kann die schlechteren Teile heraustrennen und daraus abermals neue Papiere herstellen, und man kann Wetten auf das Schicksal dieser Papiere abschließen. Die jungen Wall-Street-Händler sahen: Bei Krediten und nicht bei Aktien war das ganz große Geld zu machen. Zwar endete die erste Spekulation mit Schrottanleihen in Pleiten und Gefängnisstrafen, doch das Spielfeld war bereitet.