Die Ironie: Die Spekulanten gegen den Subprime-Wahnsinn hatten die Swaps verlangt – und dadurch Wall Street den Stoff gegeben, mit dem sich die Blase und das damit verbundene Risiko fast beliebig vergrößern ließ. Denn auf jeden Kredit lassen sich so viele Ausfallwetten aufstellen, wie die Kunden nur wollen. Und die Rating-Agenturen machten weiter wacker mit, auch große Teile der "synthetischen" Türme erhielten die Traumnote AAA. Der Markt hatte keine Beschränkung in der realen Welt mehr, und als er schließlich zusammenbrach, schätzte der Internationale Währungsfonds, dass allein in Bezug zu den Subprime-Hypotheken tausend Milliarden – das ist eine Billion! – Dollar an Verlusten entstanden waren.

Wie leicht man das Desaster hätte erkennen können, zeigen Lewis’ Protagonisten, die sich immer wieder die Augen reiben und fragen, wer den Schrott kaufe – und ob es tatsächlich legal sein könne, ihn zu kreieren. Wie schwer es gleichzeitig war, beweisen all die Fachleute, die ihrem eigenen Spiel zum Opfer gefallen sind. Michael Lewis beschreibt es so genau und doch so unterhaltsam wie keiner vor ihm: Der Wahnsinn war überall. Bei den Investoren, die den Schrott unbesehen kauften, weil er den AAA-Stempel trug. Bei den Rating-Agenturen, die diesen Stempel auf fast alles drückten, was sich ihnen als gebührenträchtig darbot. Bei den staatlichen Kontrolleuren, die nicht hinsahen – sogar dann nicht, als einzelne Spekulanten sie warnten. Und bei der Wall Street selbst.

Ihre Händler glaubten gern, dass sie es draußen mit Idioten zu tun hatten. Und einige der Händler waren auch clever genug, für ihre Banken gegen Subprime zu wetten, zuallererst bei der Deutschen Bank. Doch die meisten großen Investmentbanken gingen unter, weil sie selbst Subprime-Papiere angesammelt hatten oder auf der falschen Seite riesiger Wetten standen. Und die anderen konnten sich auch nur halten, weil der Staat irgendwann zur Rettung eilte und beispielsweise dafür sorgte, dass Goldman Sachs und die Deutsche Bank jeweils über zehn Milliarden Dollar an fälligen Zahlungen aus Kreditausfall-Swaps tatsächlich erhielten.

Die Geschichte, die zur Krise führte, lässt den guten Glauben an Innovationen der Bankenbranche eigentlich nicht mehr zu. Der Hypothekenkredit für den kleinen Mann, das Verwenden und Wiederverwenden dieser Kredite in immer neuen Anleihen zur Streuung des Risikos, der Kreditausfall-Swap zur Absicherung von Marktrisiken – jede einzelne Erfindung wurde von Banken und Spekulanten ad absurdum geführt. Das Argument der Finanzwelt war und ist, dass sich mit solchen Instrumenten das Risiko managen lässt, tatsächlich aber wurde es in untragbare Höhen getrieben, genauso wie die Boni der Händler, die damit Geld verdienten. Fast alle Beteiligten, die vielen Banker, die ins Desaster steuerten, wie die wenigen, die es kommen sahen – sie wurden darüber reich.

Das Drama hat wohl tatsächlich in den 1980er Jahren begonnen, wie Lewis erklärt, als nämlich die erste große Investmentbank selbst an die Börse ging. Nun trugen nicht mehr die Partner der Bank das Risiko, sondern die Aktionäre. Folglich pumpten sich die Wall-Street-Banken selbst mit Kredit auf und planten nur noch bis zum nächsten Quartal, derweil der Staat sie noch deregulierend unterstützte. Den größten Hebel bildeten dabei die Kreditausfall-Swaps. Das System hatte sich dadurch so aufgebläht, dass 2008 in der Stunde des Crashs niemand den Umfang des Risikos kannte. Selbst eine kleine Bank gefährdet schnell das ganze System, wenn sie viele der Wetten hält oder viel auf sie gewettet wurde.

Die Frage nach Schuld und Sühne bleibt schwierig. "Das ist völlig verrückt. Das ist Betrug. Vielleicht wird man es vor Gericht nicht beweisen können. Aber es ist Betrug", findet Steve Eisman lange vor dem großen Krach. Tatsächlich hat Wall Street wohl noch den letzten Cent aus der Spielerei mit den Hypotheken kleiner Leute herausgepresst. Von Stufe zu Stufe wurden die Risiken schlauer verschleiert. Und doch werden einzelne Banken niemals für ihre Gier bestraft, sondern höchstens dafür, dass sie im Kleingedruckten etwas ausgelassen oder vertrauliche Informationen ausgeplaudert haben. Gier war noch nie ein Schimpfwort auf den Finanzmärkten, und dass der Schlauere den Dümmeren abzockt, gehört zu den Gesetzen einer kurzen Straße namens Wall Street.

Gerichtsverfahren werden denn auch den nächsten Wahnsinn nicht vermeiden. Die Rückschau zeigt uns vielmehr: Das System an sich ist faul. Der Staat muss sich bequemen, das Kleingedruckte zu lesen. Kreditausfall-Swaps sind keine wunderbare Sache, die nur mal schiefgelaufen ist. Sie sind genau die Bomben, als die der Großinvestor Warren Buffett sie beschrieben hat – und gehören großteils verboten. Banken müssen mehr Eigenkapital als bisher vorhalten und einen Teil der Papiere behalten, die sie kreieren. Jedes neue Finanzprodukt muss geprüft und genehmigt werden, vor allem im Kreditgeschäft, und zwar von Kontrolleuren, die dem Gemeinwohl verpflichtet sind und nicht dem Banker-Wohl. Alle so hübsch verpackten Papiere müssen über offizielle Börsen gehandelt werden. Banken, die Kunden bedienen, sollten nicht zusätzlich auf eigene Rechnung an den Märkten spekulieren dürfen. Und neue Rating-Agenturen braucht das Finanzwesen außerdem.

Mit einem Wort: Wenn das Gericht kommt, ist es zu spät. Es ist an der Politik, der fehlgeleiteten Motivation des einzelnen Bankers und dem kollektiven Wahnsinn Hürden in den Weg zu stellen. Solange sie das unterlässt, ist die Krise nicht verarbeitet. Nicht in New York. Und auch nicht in Düsseldorf.