Die Reise in das ukrainische Dörfchen Anatevka endet in Schöna, Ostsachsen, wo der arbeitslose Einsiedler Gerd Laubenthal in einem unsanierten Haus direkt am Bahnhof lebt. Vom Schlafzimmer aus kann er die mächtigen Sandsteinfelsen der böhmischen Schweiz sehen. Als wären sie aus der Feder von Caspar David Friedrich, sagt Laubenthal, so malerisch schön. Drüben der Zirkelstein, bekannt vom Bild Der Wanderer über dem Nebelmeer. Gegenüber am Hang hängt Hrensko, vom Haus getrennt nur durch die Elbe. Gerd Laubenthal sieht die Dampfer auf ihrer Fahrt gen Böhmen, die Handys der Passagiere wechseln hier ins tschechische Netz. "Diesen Fleck hat die Bundesrepublik vergessen", sagt Gerd Laubenthal. "Ich liebe die Grenze, weil es so schön ist, sie zu überschreiten."

Man könnte sich das Örtchen Anatevka, ein Schtetl im Russischen Reich am Beginn des 20. Jahrhunderts, Handlungsort des Musicals gleichen Namens, durchaus wie diese verlorene Siedlung direkt an der Elbe vorstellen; so verlassen und der Natur ausgeliefert. Und man kann sich den wichtigsten Bewohner von Anatevka, Tevje, Hauptfigur des Musicals, sehr gut vorstellen wie Gerd Laubenthal.

Laubenthal ist ein kräftiger Mann mit Cordmütze, geboren in Saarlouis vor 52 Jahren, er trägt wilden Vollbart und langes Haupthaar. Er spielt die Hauptrolle in dieser Geschichte über Provinz und Moral, Heimat und Tradition.

Wenn man es genau nimmt, spielt Gerd Laubenthal den Tevje aber gar nicht. Er ist es.

Das Musical Anatevka, erstmals aufgeführt 1964 im Imperial Theatre am Broadway, New York, wird von der Bürgerbühne des Staatsschauspiels Dresden neu inszeniert. 27 Laien üben seit Monaten, am 29. Mai ist Premiere im großen Saal. An diesem Sonntag findet eine öffentliche Probe statt, zum ersten Mal muss das Amateurensemble beweisen, was Monate harter Arbeit wert waren. "Dies ist meine große Chance", sagt Gerd Laubenthal.

Dabei ist diese Aufführung nicht die x-te Zurschaustellung des gleichen Theaterstoffes. Sondern der Versuch, Welten ins Theater zu holen, die hier sonst keine Rolle spielen. Wie die von Gerd Laubenthal, der Sozialarbeit studierte, lange an der Dresdner Uni-Klinik arbeitete – und, als er nach 15 Jahren gerade unkündbar geworden war, von allein ging, weil er das bürgerliche Einheitsleben nicht mehr aushielt. Bürgertheater galten lange als hässliches Anhängsel des Kulturbetriebs, Folklore und Gaudi, nicht als Kunst. Dabei sind sie Hochkultur und Sozialarbeit in einem. Seit einem Jahr gibt es die Bürgerbühne am Staatsschauspiel Dresden, geleitet von einer Regisseurin und einem Theaterpädagogen. Jedes Stück wird professionell arrangiert. Die Darsteller kommen aus Dresden oder von weiter her, sie stammen aus allen Schichten, und die meisten, sagt Gerd Laubenthal, würden sich wohl nie begegnen, träfen sie sich nicht hier, auf der Bühne.

Laubenthal spielte schon öfter. So im Schülertheater des Otto-Hahn-Gymnasiums Karlsruhe; Dürrenmatt, Romulus der Große, er war Odoaker. "Schon meine erste Freundin wollte, dass ich Schauspieler werde", sagt Laubenthal, "aber ich habe nicht an mich geglaubt. Ich war ohne Mut. Nun, als älterer, grauhaariger, zur Verfettung neigender Mann kann ich es beweisen." 

Dass er in Anatevka spielt, liegt am Winter. In den kalten Monaten lässt Laubenthal seine Haare wachsen und auch den Bart, sodass man sich im Frühjahr fast vor ihm erschrickt. Er geht zum Friseur, wenn die ersten Sonnenstrahlen auf die Elbe scheinen. In diesem Jahr schien es, als wolle die Natur verhindern, dass Gerd Laubenthal sich die Haare schneidet, so lang blieb die Kälte. "Ich bekam eine Winterdepression", sagt er. Es gebe da diesen bayerischen Film, Daheim sterben die Leut’. Laubenthal musste raus. In der Zeitung sah er eine Casting-Annonce. Anatevka, dachte er, das kennst du doch.

Im Casting rechnete er mit allem. Mit der Hauptrolle rechnete er nicht. Den Juroren gefielen der Bart und das lange Haar, Gerd Laubenthal wurde Tevje. Der Bart gehört jetzt zum Auftritt.