Die Obrigkeit herauszufordern ist schwer geworden, auch in München, wo die Polizei doch stets ein wenig strenger war als anderswo in der Durchsetzung der öffentlichen Ordnung.

Das Surferparadies am Eisbach im Englischen Garten ist seit Langem ein rechtsfreier Raum. Direkt neben dem Haus der Kunst, wo der Eisbach, ein Seitenkanal der Isar, unter einer Brücke über die Prinzregentenstraße zutage tritt, erhebt er sich zu einer stehenden Welle, die Surfer aus der ganzen Welt anzieht. Diese City-Surfer-Szene macht München zwar noch nicht zu Malibu (das Wetter ist meist zu schlecht), aber attraktiv für wagemutige Menschen in Neoprenanzügen. Fast jeden Tag und inzwischen auch nachts unter Schweinwerfern kann man beobachten, wie sie auf ihren Brettern die Welle reiten, "die man ewig surfen kann". Der Platz ist längst eine Touristenattraktion, die Stadt wirbt mit ihm.

Offiziell erlaubt ist das Surfen nicht, nur geduldet. Doch vor drei Jahren wollte der Direktor des Englischen Gartens, der der Bayerischen Schlösser- und Seenverwaltung und damit dem CSU-geführten Finanzministerium untersteht, dem subversiven und womöglich lebensgefährlichen Treiben nicht länger zusehen. Obwohl bislang kein Surfer verletzt oder gar getötet wurde, kündigte der Direktor an, das Verbot am Eisbach künftig durchsetzen zu wollen – bußgeldbewehrt.

Die Szene gründete daraufhin eine Interessengemeinschaft und sammelte rund 17.000 Unterschriften für die Legalisierung der Eisbach-Welle. Den Protest beflügelt hat auch der Dokumentarfilm Keep Surfing (Regie: Björn Richie Lob), der an diesem Donnerstag bundesweit in die Kinos kommt: eine rasant geschnittene und mit fetziger Musik unterlegte Hommage an die Veteranen der über 30 Jahre alten Münchner Surferszene. Zum Beispiel Dieter Deventer, ein leidenschaftlicher Fluss-Surfer, der längst seinen Kindern das Wellenreiten beigebracht hat; oder Quirin Rohleder, der vom Eisbach-Anfänger zum Surfprofi avancierte und sogar die amerikanische Surflegende Kelly Slater schlug; oder Walter Strasser, der "Hausmeister" der Szene, der Planken in den Eisbach einbaute und so eine stabile Welle aufstaute. Er lebt heute auf Sardinien und baut Didgeridoos, Blasinstrumente der australischen Aborigines.

Die fantasievollen Aktionen der Münchner wirken. Seit sich Bayerns Finanzminister Georg Fahrenschon für die Welle begeisterte, will der Freistaat das Surferrevier der Stadt überlassen und hat sich zu einem Grundstückstausch bereit erklärt. Danach will die Stadt das Surfverbot aufheben. Auf diese Weise habe München zum ersten Mal ein Stück des Englischen Gartens vom Freistaat erobert, freut sich OB Christian Ude.

Surfer mit subversiver Ader müssen dann wohl aufs nächste Isar-Hochwasser warten. Keep Surfing zeigt in atemberaubenden Sequenzen, wie Münchens Asse in den aufgepeitschten Fluten der nach tagelangen Regenfällen mächtig angeschwollenen Isar und gejagt von der Polizei nach Grenzerfahrungen suchen. Dieses nun wirklich lebensgefährliche Treiben ist – und bleibt – verboten.