Es wird der Tag kommen, an dem wir Roland Koch noch vermissen werden. Ja, er hat mehr als einmal die abstoßende Seite der Politik verkörpert, machtversessen und skrupellos: als er zum Zwecke seiner Wiederwahl Ängste vor Ausländern schürte oder als er einen unbequemen ZDF-Chefredakteur aus dem Amt kegelte.

Dass der scheidende hessische Ministerpräsident und stellvertretende CDU-Vorsitzende daneben auch eine andere Seite zeigte, analytisch, verlässlich, fachlich hochkompetent, ist selbst dem politischen Gegner seit Langem bekannt. Das allein macht Kochs Rückzug noch nicht zu etwas Besonderem – zwei Gesichter haben viele, und kompetent sind andere ebenso.

Das Problem für den politischen Betrieb liegt woanders: Eine lebendige parlamentarische Demokratie braucht eben polarisierende Köpfe wie Roland Koch. Sie braucht die streitbare Stimme eines Friedrich Merz oder eines Wolfgang Clement. Sie braucht – an herausragender Stelle – einen Peer Steinbrück, der übrigens mit Koch zeitweilig besonders gut zusammengearbeitet hat. Immer wieder haben diese Politiker Wahrheiten ausgesprochen, wo andere Wählertäuschung im Sinne hatten: Zuletzt sagte Koch öffentlich, dass der Staat in allen Bereichen zu sparen habe.

Aber in ihren Parteien wurden sie oft als Zumutung wahrgenommen, die sie manchmal auch waren: zu sehr von sich überzeugt, zu taktlos in ihren Äußerungen, dazu vielen Medien und Wählern nur schwer zu vermitteln. Die meisten dieser Quertreiber wurden deshalb von ihren eigenen Parteien an den Rand gedrängt – als könnten es sich die in jeder Hinsicht ausgezehrten Volksparteien leisten, ausgerechnet ihre herausragenden Vertreter kleinzumachen.

Der Fall Koch ist gewiss kompliziert, denn Koch ist nicht nur Opfer. Und es ist nicht nur die böse Merkel daran schuld, dass sie einem ihrer Besten keine neue Perspektive eröffnen konnte. Koch selbst wird sich wohl irgendwann eingestanden haben, dass er für die höchsten Ämter in Deutschland zu kalt und zu brutal wirkt, als dass ihn die Wähler dorthin getragen hätten. 

Aber die Ankündigung seines Abschieds aus der Politik, seltsam gelöst von ihm vorgetragen, ist ein besonders schriller Alarmruf: für die Union im Besonderen, die so die vielleicht letzte ernst zu nehmende Identifikationsfigur ihrer konservativeren Anhänger verliert; dabei müsste sie wissen, dass Volksparteien ohne ihre Parteiflügel abstürzen. Und für das Parteiensystem im Allgemeinen, dem ausgerechnet der so überzeugt wirkende Vollblutpolitiker Koch zum Abschied einen ziemlich abweisenden Satz hinterherrief: "Politik ist ein faszinierender Teil meines Lebens, aber Politik ist nicht mein Leben."

Selbst Koch-Gegner mögen sich da fragen: Mit wem bleiben wir jetzt zurück?

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