Wie beschreibt man ein Haus? Soll man damit beginnen, von dem Raumeindruck des Gebäudes zu erzählen oder besser von den Materialien, aus denen es errichtet wurde, damit, wie es sich anfühlt, wie es klingt, wie es riecht? Soll man vielleicht nur schreiben: "Zwergenhafte Villa im Schlösschenstil", und alles Entscheidende ist mit diesen vier Wörtern gesagt? Lauter grundsätzliche Fragen. Seit einem halben Jahrhundert stellen sie sich dem wichtigsten Erforscher der österreichischen Baukultur nahezu täglich. So lange schreibt er über Architektur. "Je mehr man einen Gegenstand beschreibt, desto mehr verschwindet er", seufzt Friedrich Achleitner, "so ein Objekt ist ja im Grunde genommen unbeschreibbar." Freilich sei das eine paradoxe Einsicht, aber so sei das eben mit der Sprache: "Die ist ein Ungeheuer – beschreiben darf man nur, was man nicht sieht."

Wie oft er es schon versucht hat, in Worten auszudrücken, welches Gebäude sich an einer bestimmten Adresse befindet, wofür es steht und welchen Stellenwert es besitzt, weiß der Skeptiker nicht mehr zu sagen. Nur dass es jedes Mal eine "Knochenarbeit" war. Nun, gerade 80 Jahre alt geworden, landauf, landab gewürdigt, emsig befragt nach seinen Erinnerungen, Reminiszenzen und Einschätzungen, mit einem rauschenden Fest von seinen vielen Freunden, Bewunderern und Weggefährten gefeiert, was er alles mit höflicher Gleichmut und ungebrochener Auskunftsbereitschaft über sich ergehen ließ, ist er endlich am Ende einer großen Erkundungsreise angelangt, die er vor 45 Jahren ebenso arglos und unerschrocken angetreten hatte wie so mancher Entdecker der frühen Neuzeit seine Welterkundungen.

Die Architekturgläubigkeit ging auf der Forschungsreise verloren

An eine Umkehr auf dieser Expedition dachte er zu keinem Zeitpunkt. Mitunter glaubte nur noch er daran, eines Tages sein Ziel erreichen zu können. Vieles war dem Zufall geschuldet. Mehr der Beharrlichkeit. Nahezu alles der systematischen Genauigkeit, seinem "Vollständigkeitswahn". Im Herbst erscheint der dritte Wien-Band seines Standardwerks Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert im Residenz-Verlag. Es dauerte fünfzehn Jahre, fünf Wiener Bezirke zu erkunden, Villenviertel, Arbeiterpaläste, Werkhallen zu erforschen, hinter die schimmernden Fassaden der Bürotürme in den Stadterweiterungsgebieten zu blicken. Jetzt bleibt nur noch der weiße Flecken Niederösterreich in dem gewaltigen Vorhaben, die moderne Baukultur des Landes zu kartografieren. Nicht weiter schlimm, schmunzelt Achleitner abgeklärt, wie das wohl nur ein emeritierter Professor vermag: "Alles, was man macht, weist immer ein paar weiße Flecken auf."

Während Architektur mit einem utopischen Weltentwurf Ehrfurcht heischt, sinniert der Architekturhistoriker darüber, ob nicht vielmehr im Fragmentarischen das Wesen aller Dinge verborgen liege. Ja, gesteht er, irgendwo auf dieser Reise sei die Architekturgläubigkeit der frühen Jahre auf der Strecke geblieben.

Sein ganzes Lebenswerk ist ein Kartenhaus. Ein weitläufiger Gebäudekomplex, aufgetürmt aus über 30.000 Karteikarten, in dem die Geschichte des vergangenen Jahrhunderts lagert – nicht bloß ein Archiv der Baugeschichte, sondern auch des Werdens des Landes, seines Vernichtungsdranges und seiner Zerstörungswut ebenso wie seines Aufbauwillens, seiner Gestaltungssehnsucht und seiner nicht immer geglückten Versuche, für seine Bewohner nicht nur Heimat zu sein, sondern ihnen auch ein Daheim zu bieten. Dieses Kartenhaus ist das Werk eines Architekten, der bereits nach wenigen Jahren Praxis davor zurückschreckte, seinen erlernten Beruf weiterhin auszuüben, weil er es nicht über sich bringen wollte, die Handwerker auf einer Baustelle aufzufordern, ihre Fehler zu korrigieren.

Es ist daher in der besten Tradition des österreichischen Häuslbauens entstanden. In der Freizeit, an Wochenenden und im Urlaub schuftete er daran, zum größten Teil finanzierte er es aus seinem doch eher kargen Professorengehalt, nur wenige befreundete Helfer gingen ihm zur Hand, niemals wurde es ganz fertig, immer blieb etwas zu tun. Es ist das Luftschloss eines Enzyklopädisten, der das Wissen und die Welt als begehbares Kompendium begreift. Es ist streng in seinem Grundriss, großzügig in seinen Proportionen, obsessiv in seiner Anlage. Vollkommen österreichisch und dennoch über die Grenzen hinaus beispielgebend.

Wahrscheinlich ließe sich nirgendwo anders auf der Welt als in dem auf der bürokratischen Idee begründeten Österreich der Gedanke, mithilfe einer Zentralkartei das wechselvolle Zeitgeschehen in den Griff zu bekommen wollen, in die Tat umsetzen. Ein anderer wäre vermutlich irgendwann in seiner wuchernden Registratur verschollen. Friedrich Achleitner hingegen hat dieses Sisyphos-Projekt beinahe naiv in Angriff genommen. Als Architekt sei man ja ohnehin Positivist, beteuert er, und glaube, die Welt um Gutes, möglicherweise sogar Unverzichtbares bereichern zu können. Mühsal nehme man deshalb nicht bloß in Kauf, man begrüße sie sogar.