Die österreichische Wissenschaftsministerin Beatrix Karl benötigte lediglich einen einzigen Satz, um das Land zu spalten. Zumindest, wenn man die offiziellen Reaktionen zum Maßstab nimmt. Denn nach alter Tradition mag die Wahrheit in Österreich zwar theoretisch zumutbar sein, angenehm ist sie hingegen selten. Selbst dann nicht, wenn sie nur weniger Worte bedarf.

Knapp erklärte die ÖVP-Ministerin in der vergangenen Woche, sie halte das "Gymnasium für alle" für die beste Schulform, die Schülerinnen und Schülern zwischen dem zehnten und fünfzehnten Lebensjahr angeboten werden kann. Ein tektonisches Beben war die Folge. Anschließend regnete es Asche auf das Haupt der sündigen Abweichlerin. Parteisekretäre, die regionalen Chefs der Volkspartei (mit Ausnahme des Steirers Hermann Schützenhöfer, der die Gesamtschule zur Parteilinie gemacht hatte) und schwarze Abgeordnete im Bund und in den Ländern ereiferten sich über den ideologischen Tabubruch. Selbst Parteiobmann und Vizekanzler Josef Pröll, der Karl von Anfang an gefördert hatte, ließ mitteilen, die Ministerin habe ausschließlich ihre Privatmeinung verkündet.

Die Sozialdemokraten, nach außen immer noch monolithische Befürworter der Gesamtschule, reagierten unterschiedlich. Unterrichtsministerin Claudia Schmied, die tatsächlich für eine umfassende Schulreform eintritt, war über die neue Mitstreiterin in der Regierung hocherfreut. Bei anderen Parteigenossen reichte es nur für Häme über den Koalitionspartner. Die ist freilich wenig überzeugend. Fast hundert Jahre fristete das Konzept der Gesamtschule ein Dasein in verschiedenen Parteiprogrammen; mittlerweile gibt es auch unter den Roten genügend Überläufer. Beginnend bei der SPÖ nahestehenden Gymnasiallehrern über sogenannte Nadelstreif-Sozialisten bis hin zu zahlreichen Regional- und Bundespolitikern hat auch die rote Begeisterung für eine gemeinsame Schule abgenommen. Wer gerade bürgerlich geworden ist und genügend Geld hat, schickt seine Sprösslinge lieber auf teure Privatgymnasien. Und freut sich heimlich, dass die Schwarzen offiziell den Kampf gegen die verteufelte "Einheitsschule" führen.

Den Vogel schossen dabei einmal mehr die VP-Lehrergewerkschafter ab. In einem hysterischen Rundumschlag droschen sie mit Ausdrücken wie "Skandal", "Ohrfeige", "Sonnenköniggehabe" und "Diktatur von oben" munter auf ihre ehemalige Chefin ein. Denn Karl, von Beruf Professorin für Arbeits- und Sozialrecht an der Uni Graz, war bis vor Kurzem noch die Generalsekretärin des christlich-sozialen Arbeitnehmerbundes, jener VP-Organisation, in der die Lehrergewerkschafter traditionell eine dominierende Rolle spielen.

Aber siehe da, die Reaktion der Medien, vor allem jene des Boulevards, war nicht mehr so wie früher. Sogar die marktbeherrschende Kronen Zeitung fand, das Land könne mehr Politiker nach Art der Frau Karl vertragen. Kompetent, mutig und mit jenem Tatendrang und Gestaltungswillen ausgestattet, von dem bei den meisten anderen nichts zu sehen sei. Gleichzeitig wurden die Neinsager der Lehrergewerkschaft rund um das bullige Urgestein Fritz Neugebauer, den Chef aller öffentlich Bediensteten, als lernunfähige Betonköpfe gebrandmarkt. Die Kronen Zeitung formulierte unmissverständlich: "Lehrergewerkschafter – das sind zumeist vom Dienst freigestellte, unkündbare Rabauken, die man daran erkennt, dass sie schlecht angezogen beziehungsweise übergewichtig (oder beides) sind, dennoch ins Fernsehen drängen und dort ihren Wortmüll gegen jede Änderung des versteinerten Schulsystems absondern."

Weniger wortgewaltig, aber nicht minder deutlich äußerten sich die ÖVP-nahe Industriellenvereinigung und der liberale Wirtschaftskammerchef Christoph Leitl. Beide nannten die Trennung zehnjähriger Kinder in Hauptschüler und Gymnasiasten antiquiert und reformbedürftig. Seit 1945 werden Jahr für Jahr 70 Prozent in Schulen für die Normalsterblichen und 30 Prozent in Schulen für die besseren Leute kanalisiert. Und das nur noch in Deutschland und Österreich. Kein anderes Land macht mehr diesen ständischen Unsinn mit.

Jetzt bröckeln die Fronten der Alt-Bürgerlichen. Neben Wirtschaftsfunktionären haben sich auch die evangelische und jüngst sogar die katholische Kirche vom frühen Separationswahn losgesagt. Zudem gibt es keinen renommierten Bildungswissenschaftler, der sich hierzulande gegen eine "Schule für alle" zwischen dem fünften und dem fünfzehnten Lebensjahr ausspricht.