Bei ThyssenKrupp jagt eine Party die nächste. Glanzvoller Auftakt in diesem Frühjahr: die Wiedereröffnung des Essener Folkwang-Museums, dem die Krupp-Stiftung einen Anbau des Stararchitekten David Chipperfield spendiert hat. Weiter im Westen der Stadt wird gerade noch geweißelt und gewienert, denn am 17.Juni will der Ruhrkonzern dort seine neue Zentrale mit einem Festakt einweihen. Konzernchef Ekkehard Schulz wird allerdings kaum mitfeiern, denn einen Tag später schon will er in Brasilien einen neuen Hochofen in Dienst stellen. Und im Herbst – kurz bevor der Boss in den Aufsichtsrat wechselt – nimmt er ein Walzwerk in Amerika in Betrieb.

Das Problem: Eigentlich ist bei ThyssenKrupp kaum einem nach Feiern zu Mute – dem scheidenden Chef vermutlich am allerwenigsten. Geplant wurden die Bauten in Zeiten des Booms. Seither hat sich der Aktienkurs halbiert. Das vergangene Geschäftsjahr war das schlechteste, seit sich Thyssen und Krupp vor gut einem Jahrzehnt zusammentaten. Und wegen der hohen Schulden stufte die Rating-Agentur Standard & Poors vor ein paar Monaten die Kreditwürdigkeit des Konzerns auf Ramschniveau herab.

Vor zwei Wochen hat der Aufsichtsrat nun einen Nachfolger für den immerhin schon 68-jährigen Schulz präsentiert. Interessanterweise war es keiner der gerüchteweise gehandelten internen Kandidaten, sondern ein Mann von außen: Von Januar an soll Siemens-Vorstand Heinrich Hiesinger die Geschicke des Ruhrkonzerns leiten. Viele in Essen fürchten nun einen "Strategiewechsel". Doch das ist vermutlich nicht ganz der richtige Ausdruck. Denn eigentlich hatte ThyssenKrupp nie eine Strategie – schon gar keine konsistente.

Das Unternehmen ist ein Gemischtwarenladen, der von Rohstahl über Aufzüge, Autoteile und Chemieanlagen bis hin zum Marine-U-Boot alles Mögliche verkauft. Natürlich machten die Manager regelmäßig Investitionspläne: 2006 etwa genehmigte der Aufsichtsrat dem Vorstand Ausgaben im Wert von 20 Milliarden Euro. Das Geld sollte je zur Hälfte in den Stahl und die anderen Sparten fließen. Doch wirklich verbindlich war dieser Fünfjahresplan offenbar nicht.

So blieb es lange ohne Konsequenzen, dass die geplanten Hütten- und Walzwerke immer mehr Geld verschlangen. Weil sich der Baugrund in Brasilien als tückischer Mangrovensumpf herausstellte, musste der neue Hochofen dort aufwendig auf Stützen gestellt werden. Chinesische Zulieferer ließen Termine platzen, immer wieder wurden Nacharbeiten nötig. Auch in Amerika gab es teure Verzögerungen. Und wegen der Montanmitbestimmung mussten sich die Manager die Zustimmung der Betriebsräte stets durch Investitionszusagen für die deutschen Werke erkaufen. Schnell hatte der Stahlbereich so zwölf Milliarden statt der geplanten zehn Milliarden Euro verbaut.

Das störte keinen, solange Stahl auf den Spotmärkten wie Gold gehandelt wurde. Doch dann fiel die Nachfrage, und aus Investitionen wurden über Nacht Überkapazitäten. So kam es, dass ThyssenKrupp-Chef Schulz im vergangenen Frühjahr plötzlich die Manager der Stahl- und Edelstahlsparte feuerte und – in den heimischen Hütten und Büros – den Abbau von 2000 Stellen ankündigte. Ob es dabei bleibt? Nachdem sich der Konzern in den ersten Monaten des neuen Geschäftsjahrs einer leichten Erholung erfreute, rechnen Experten mit einem neuen Nachfrageknick. Gleichzeitig steigen die Erzpreise.

Schon vor Jahren hatte man erwogen, die zyklische Stahlsparte komplett zu entsorgen. Kurz nach dem Zusammenschluss sollte ThyssenKrupp zum "Technologiekonzern" verschlankt werden. Doch auch damals stockte es auf dem Weg vom Plan zur Tat. Als im September 2000 endlich die Werbekampagne für einen Börsengang des Stahlgeschäfts anlief, hatte sich die Konjunktur so weit eingetrübt, dass das Manöver in allerletzter Minute abgesagt wurde.