Erfolg zu haben war mal so unglaublich einfach – die Leute ließen sich einfach alles andrehen. "If you build it, they’ll buy it." Wenn du es baust, kaufen sie es, so war das, berichtete Mike Merrill kürzlich auf der next-Konferenz in Berlin. Der Chef von Smartphones Technologies klang dabei wie ein altgedienter Unternehmer, der sich an die Anfänge der Industrialisierung erinnert. Dabei ist die gute alte Zeit gerade eineinhalb Jahre her.

Damals entstand, praktisch aus dem Nichts, ein neuer Markt für kleine Programme, die man aufs Handy lädt. Im Jahr 2010 könnte er "6,2 Milliarden Dollar groß werden", schätzt das IT-Marktforschungsunternehmen Gartner. Es war auch nicht irgendein Handy, das den Durchbruch brachte, sondern das iPhone von Apple. An dessen Erfolg glaubten binnen kurzer Zeit viele Entwickler, und so waren binnen ebenso kurzer Zeit 15.000 kleine Programme zu haben, die Nützliches und Unnützes können. Heute sind es 200.000. Auch ein neuer Gattungsbegriff entstand: Man nennt die Kleinen einfach "App". Das ist die Kurzform von "Application", zu Deutsch: "Anwendung", was aber so freudlos klingt, dass sich die amerikanische "App" durchsetzte.

Merrill stellte übrigens seine These von der anfangs etwas wahllosen Lust auf Apps unter Beweis: mit Bikini Blast – Fotos von Frauen mit großen Brüsten, auch zum Versenden per Mail. Die App stand sofort auf den Bestsellerlisten. Der stämmige Mann aus Texas, der mit seinen 22 Jahren Berufserfahrung im Mobilfunk tatsächlich schon etwas Veteranenhaftes hat, ist einer von Tausenden, die Software für neue mobile Geräte entwickeln.

Während die einen offensichtlichen Blödsinn anbieten, haben sich andere auf nüchternen Nutzwert spezialisiert: Es gibt Wetter-Apps, die einem die Aussichten für Metropolen und Küstenkäffer liefern. Auskunfts-Apps, wie die der Deutschen Bahn, die Verbindungen übersichtlich und sofort darstellen. Nachrichtenticker, die sich von selbst melden, wenn wichtige Meldungen eintreffen. Karten, die anzeigen, wo sich der nächste Bäcker oder Friseur befindet. So ist das iPhone zum digitalen Schweizer Taschenmesser geworden.

Nur, wo sich anfangs praktisch alles verkaufen ließ, ist die Konkurrenz heute schon größer. Immer mehr Marktteilnehmer wollen einen Krümel vom App-Kuchen: Mal sind es Ein-Mann-Bastelbuden, die einmal in ihrem Leben ein Programm schreiben und danach nie wieder. Mal sind es etablierte Softwarefirmen und Digital-Werbeagenturen, die für andere die Entwicklung übernehmen. Hier und da mischen auch die großen Verlage mit. Sie alle versuchen ihre Apps mit aggressivem Internet-Marketing in Blogs und Foren in die Bestenlisten zu treiben.

Gleichwohl wird das iPad, das diese Woche in Deutschland in die Läden kommt , den Rausch aller Voraussicht nach verlängern (siehe: Wer verkauft, hat recht). Vor allem die Verlage hoffen aufs iPad und vergleichbare sogenannte Tablet-Computer. Sie rechnen sich Chancen aus, mithilfe dieser Geräte künftig Geld für Inhalte auch in der digitalen Welt zu erhalten. Im Internet gelingt ihnen das kaum, und so sagt der Unternehmer Merrill auch nach eineinhalb Jahren: "Ein bisschen fühlt es sich immer wie ein Goldrausch an."

Auch wenn so mancher an die Fehler der New-Economy-Blase denkt, lassen sich Investoren für die App-Economy begeistern. Fishlabs, ein Hamburger Spieleentwickler, fand mit Neuhaus Partners einen Wagniskapitalgeber, der sich auf junge Hochtechnologieunternehmen spezialisiert hat. Kürzlich kam ein Anruf aus Indien von einem Interessenten, der sich beteiligen will. Andere müssen sich länger beweisen. So wie die Gründer von checkitmobile. Wer ihre barcoo-App herunterlädt, kann im Einzelhandel mit seiner Handykamera den Barcode von zum Beispiel Lebensmitteln abscannen und erhält dann alle Infos zu Preisen, Qualität und Nachhaltigkeit, die im Netz verfügbar sind. Anfangs "dachten alle, wir wären verrückt, dass wir damit Geld verdienen wollen", sagt der 29-jährige Gründer Benjamin Thym. Dafür glaubten er und seine zwei Partner umso stärker an die Idee: Sie kündigten vor drei Jahren ihre Jobs, zogen nach Berlin und fotografierten tagelang Barcodes und gaben Daten in Datenbanken ein, bis sie nur noch Striche vor Augen hatten. Ein Gründerstipendium der EU half ihnen über die erste Zeit hinweg. Doch inzwischen haben 800.000 Menschen ihr Programm heruntergeladen, und deshalb hat auch checkitmobile einen Investor gefunden, der mit einem sechsstelligen Betrag eingestiegen ist. In Frankreich und Großbritannien startet der Service im August. Schwarze Zahlen mithilfe von mobiler Werbung sind fürs nächste Jahr angepeilt.