Das kranke Haus – Seite 1

Ohne Kompass geht man hier besser nicht hinein. Wo ist, bitteschön, der zuständige Arzt in diesem Nachkriegsbau zu finden? Man nimmt den Aufzug, eilt über Treppen und Flure, läuft ein halbes Stockwerk rauf und runter, lässt Türen auf- und zufliegen. Vorbei an endlosen Schrankwänden mit kleinen Schubladen. Blutproben. Medikamente. Akten. Ein Krankenhaus wie ein Labyrinth, aus dem nur Eingeweihte wieder herauswissen.

Der Besucher lernt den Arzt kennen und das Problem. "Es gibt bei uns gleich vier Abteilungen für Innere Medizin", verrät der Mediziner und schüttelt den Kopf. Zwei für Kardiologie, zwei für Radiologie, vier für Chirurgie und so weiter. "Alles ist sorgfältig aufgeteilt, jede Klinik hat ihren Chefarzt, ihre Betten, ihre Erbhöfe." Wie das Krankenhaus, so das ganze Land. Jahrzehntelang haben griechische Politiker Behörden zersplittert, Verwaltungen atomisiert, damit sie möglichst viele Gefolgsleute zu Chefs machen konnten. "Eine ernsthafte Krankheit", sagt der Arzt.

Evangelismos – das ist das griechische Krankenhaus schlechthin. Die größte Klinik des Landes, 116 Jahre alt, fast 1000 Betten, 2800 Angestellte, eine elfstöckige Festung schräg gegenüber vom hellenischen Kriegsmuseum, nahe dem Zentrum Athens. Das Krankenhaus steht aber auch für den Staat, den Staat in der schwersten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Hier sind einige Probleme Griechenlands wie im Reagenzglas zu besichtigen. Welche Therapie braucht das kranke Krankenhaus, welche das Land?

Klinik für Chirurgie, der Tag ist noch jung. Tassos Mitros wartet auf die sechste Operation in vier Monaten. Darmkrebs, der 63-jährige Mitros kämpft um sein Leben. Er hat sich mit Henna im Haar etwas Mut gemacht. Mit vier anderen Patienten liegt er in einem Raum, drei-, höchstens viermal am Tag kommen die Krankenschwestern vorbei. "Das geht in Ordnung", sagt er nachsichtig. In der polierten Athener Privatklinik, die ihn im Frühjahr fünfmal unters Messer nahm, gab es zwar mehr Schwestern. Doch seine Krankheit haben die Ärzte nicht besiegt, und der Großteil seiner Ersparnisse ging dafür drauf. Dann begab sich Mitros in staatliche Obhut, ins Evangelismos.

Ob Schlaganfall oder Schnupfen: Die Notaufnahme ist für alles zuständig

Klinik für Kardiologie, es ist später Vormittag. Elias Sioras leitet diese Abteilung. Er ist 51 Jahre alt, Links-Wähler, kurz getrimmter grau melierter Bart, blaue Augen, feines sanftes Lachen. Neue Diagnosegeräte erhält er gewöhnlich rund zehn Jahre später als die Ärzte in den Privatkliniken; trotzdem hat er sich einen guten Ruf erobert. Aber er ärgert sich. "Ich bin stinksauer auf das System", sagt der Chefarzt. Jahrelang hätten die Privatkliniken die gut situierten Patienten aufnehmen können. Derweil durften die staatlichen Krankenhäuser nur mit den staatlich Versicherten arbeiten. Die Privaten seien reich geworden. "Wir haben riesige Schulden angehäuft", sagt Sioras. Allein im Evangelismos könnten es bis zu 300 Millionen Euro sein.

Jahrelang, sagt Sioras, seien Geräte und Medikamente zu weit überhöhten Preisen gekauft worden. Hohe Beamte hätten den Konzernen dabei assistiert. Presseberichten zufolge sollen sich auch Ärzte massiv bereichert haben. Darüber hinaus, klagt Sioras, habe die Zahl der Angestellten abgenommen, doch die Personalkosten explodierten – im Wesentlichen aufgrund von Gehaltsergänzungen, die die Regierung inzwischen gestrichen hat oder streichen will. "Die Arbeit hat sich vervielfacht, alle sind überarbeitet, ungeduldig, genervt."

Krisensymptome, ein Land geht auf dem Zahnfleisch. "Manche Leute kommen gereizt hierher und platzen, sobald eine Kleinigkeit schiefgeht", sagt der Chefarzt. "Sie schreien die überlasteten Krankenschwestern an." Obwohl die als Letzte die Schuld an der Misere trügen. Wer denn?

Ein Büro im elften Stock mit Ausblick auf den massigen Berg Hymettos, es ist später Vormittag. Klinikdirektor Mihalis Theodorou glaubt sich gerüstet für die Bewältigung der Krise. Er kommt von den hellenischen Luftstreitkräften, hat dort Führung und Management gelehrt. "Geführt wird nicht im Sitzen", sagt er und bricht auf zu einem Rundgang. In der Notaufnahme würden an manchen Tagen 1200 Menschen stehen, erzählt er. "Das ist wie im Krieg." Der Ex-Luftwaffenmann wendet sich einer Krankenschwester zu und schmettert ihr ein dröhnendes "Guten Tag, wie läuft die Arbeit?" entgegen. Klingt ein wenig nach Seminar "Menschenführung", Lehreinheit Empathie. Die Krankenschwester freut sich trotzdem.

 

Wie will Theodorou die Schulden reduzieren? Durch öffentliche Ausschreibungen für Geräte, Medikamente, Essen. Durch scharfe Kontrolle der Arzneiausgabe. Durch mehr Selbstverantwortung der Ärzte und Pfleger. Durch ein neues Computersystem, über das sämtliche Einnahmen und Ausgaben sowie die Medikamentenausgabe laufen. Alles Dinge, von denen man erwartet hätte, es gäbe sie seit Jahren. Aber dies ist Griechenland.

Die Regierung von Premier Giorgios Andrea Papandreou allerdings macht nun Ernst. Gerade musste eine Glamour-Ministerin gehen, deren Mann jahrelang den Fiskus prellte. Die Regierung hat eine Liste mit 151 Ärzten aus dem Caffè-latte-Viertel Kolonaki veröffentlicht, von denen einige Jahreseinkommen von 300 Euro angegeben hatten. 300 Euro – so viel kostet dort im Monat allein die Autogarage. Bloßgestellt wurden Mediziner, die Schmiergelder von Patienten und Konzernen nahmen. Aus dem Evangelismos war niemand dabei. "Meine Augen und Ohren sind offen", sagt Klinikdirektor Theodorou. "Wenn nötig, bringe ich solche Ärzte vor Gericht." Der Ton in Griechenland wird schärfer.

Klinik für Kardiologie, kurz nach Mittag. Der Krankenpfleger Dimitri Pistolas hat gerade seine Frühschicht beendet. Jetzt beginnt seine zweite Arbeit. Pistolas arbeitet in der Krankenpfleger-Gewerkschaft. Der Druck auf die Pfleger in öffentlichen Krankenhäusern sei gewaltig gewachsen, sagt er. Sie hätten dreimal so viel Patienten zu betreuen wie im übrigen Westeuropa. Wie das geht? "Evangelismos wird zu unserem Leben." In die Notaufnahme kommen Leute mit Herzinfarkt und Leute mit Schnupfen. Er müsse Überstunden machen, den Urlaub abkürzen, mehrere Schichten hintereinander legen. Der 42-Jährige ist unverheiratet, kümmert sich statt um Kinder um Patienten.

Wenig Geld, immer mehr Aufgaben – so geht es vielen Arbeitnehmern in Griechenland. Die keine Frührente bekommen, deren Sozialversicherungen immer weniger wert sind, die mit Vollzeitjobs kaum die Miete bezahlen können. Schlechte Ausbildung und hohe Arbeitsbelastung sind die Themen des Gewerkschafters Pistolas. Er war auch auf der Straße, als Anfang Mai Demonstranten Brandbomben in eine Bank warfen. Drei Menschen starben, Todesfälle, die die Welt erschütterten. Die Kurse taumelten, der Euro stürzte ab. Die Morde hätten ihn entsetzt, sagt Pistolas, die Demonstrationen an sich findet er aber nach wie vor richtig. "Wir demonstrierten gegen das Bild vom faulen Griechen, gegen die Verzerrung in den Medien, gegen Politiker und Beamte, die uns in die Misere gesteuert haben", sagt er. Eine Krankenschwester sieht es etwas anders. "Ich war auch dabei", sagt sie, "aber das war ein Fehler. Nach den Krawallen haben 170.000 Touristen ihre Griechenlandreisen storniert." Sie wird nicht mehr demonstrieren.

Die Behandlung: Abteilungen zusammenlegen. Das wird weh tun

In der Abteilung für Neurochirurgie stehen die Patienten am späten Nachmittag bei Damianos Sakas noch immer Schlange. Ein Hochglanzmagazin hat den halbkahlen Professor kürzlich als "kleinen Gott" gepriesen. Er heilte zwei Patienten, die an Camptocormie litten – ihr Hirn sandte nicht mehr das Signal aus, aufrecht zu sitzen oder zu stehen. Ärzte wie Sakas stehen für die Spitzenleistungen des Krankenhauses. "Ohne Drittmittel wäre das nicht möglich", sagt er. Sakas wirbt für neue Ausrüstung Geld von privaten Stiftungen ein. Er ärgert sich über die Passivität vieler Kollegen. "Wir haben hier die Mentalität konserviert, dass in der Not jemand von allein vorbeikommt und hilft."

Für die Griechen war das EU-Hilfspaket von 110 Milliarden Euro nun wohl die letzte Hilfe von außen. Jetzt hängt alles von ihnen selbst ab. Sakas wünscht sich ein strenges und exaktes Management, elektronische Überwachung, Öffnung des staatlichen Krankenhauses für Privatpatienten. Die Aufsplitterung des Hospitals in viele kleine Kliniken hält er für eine Plage. Sein Therapievorschlag: zusammenlegen. Die Nebenwirkungen: sehr schmerzhaft. "Aber wenn nicht jetzt, dann nie!" Der Neurochirurg spricht wie ein Abgesandter des Internationalen Währungsfonds. Doch er beherrscht auch die Tonarten des klassischen griechischen Dramas. "Griechenland ist so etwas wie das Gedächtnis Europas", sagt Sakas. Hier liege die Geburtsstätte des Kontinents, das Archiv der Alten Welt, nun schließlich die Brutstätte für die große Krise Europas. "Wir müssen Erfolg haben – für uns selbst und für ganz Europa!"

Es ist früher Abend, im Hof des Evangelismos hat Tassos Mitros, der Krebspatient, es sich auf einer Bank unter Zitronenbäumen bequem gemacht. Ihn als Patienten bedrängen die Probleme des Hospitalriesen gar nicht so. "Das Krankenhaus ist viel besser als der Ruf von Staatseinrichtungen", sagt er. Alles sei sauber, die Bettwäsche werde täglich gewechselt. Er vertraue den Ärzten. Morgen, hat er erfahren, komme "endlich" die Operation. Mitros mag sterbenskrank sein, er fühlt sich noch nicht am Ende. Aber wie lebt sich’s als Rentner, der seine Ersparnisse in der Privatklinik gelassen hat? Er lächelt. Ein bisschen hat er noch. "Mein Gewehr und meine Angel." Seine Krisentherapie: endlich wieder jagen und fischen.

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