Kafka, der Spitzbube! Welch ein übermütiger, erlebnishungriger Reisender tritt uns hier entgegen: "Die fortreißende Kraft des Zuges fühlen, den Mitreisenden freier, herzlicher, dringender begegnen…" Das ist der junge Kafka, Ende 20, der in den Jahren 1909 bis 1911 von Reisen durch Italien und die Schweiz berichtet; in einer "glücklichen Unruhe, die nicht aufhört". Aufmerksam beobachtet er die Passagiere während einer Bootsfahrt über den Comer See. Hier die "einsame verdrießliche Frau", dort ein "korrekter Herr mit hochgezogenen Hosen" und ein Augenblick der Unbefangenheit: "Kleiner Junge des Wirtes streckt mir, ohne dass ich früher mit ihm gesprochen hätte, auf Ermahnung seiner Mutter den Mund zum Gutenachtkuss hin. Hat mir geschmeckt."

Mit Thomas Mann sollte man nach Nidden reisen. Eigenartig, nicht einschmeichelnd, "nicht schön im konzilianten Sinne" sei diese litauische Landschaft – und bewege ihn gerade deshalb, sich dort ein Haus zu bauen. Hier hat ihn, den wohltemperierten Bildungsreisenden, der nicht zögert, Rom als Ort seiner Wahl zu benennen, etwas Unerwartetes bezwungen.

Aber bedeutet Reisen nicht sowieso, überrascht werden zu wollen? Unterwegs mit… heißt eine zunächst aus vier Bänden bestehende Taschenbuchserie bei Fischer Klassik, die sich den Reiseerlebnissen und -betrachtungen von Thomas Mann, Franz Kafka, Stefan Zweig und Kurt Tucholsky verschrieben hat – und die ihrerseits überrascht, da sie die Klassiker, vor allem Kafka und Mann, von wenig bekannten Seiten zeigt.

Thomas Mann in Frankfurt/Main

Sie alle sind Reisende in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als Reisen hieß, mit Zügen oder Schiffen zu fahren und monatelange Sommerfrische an einem Ort zu verbringen. Das Briefe- und Tagebuchschreiben ist damals noch eine weit verbreitete, neben dem Leben herlaufende Spur der Reflexion. Dabei lädt die Lektüre dieser Bände nicht zu nostalgischer Verklärung ein. Auch die Welt des frühen 20. Jahrhunderts ist – laut Stefan Zweig – schon "geheimnislose Welt. Alle Länder sind erforscht, die fernsten Meere zerpflügt." Schärfer, konkreter rechnet Tucholsky in seinen brillanten Reisereportagen mit einem Tourismus ab, in dem unter minimalem Aufwand und zu stattlichen Preisen Illusionen ausgebeutet werden. Lesen wir vom "Saisonbeginn an der Ostsee", wo ein "luxuriöser Badeort" sich dazu durchringt, einen Rettungsring anzuschaffen: "Er soll Ende August eintreffen. (…) Längs des Strandes verteilen Waisenkinder Bernsteinstücke, die später bestimmungsgemäß von den aufjubelnden Kurgästen gefunden werden."

Reisen in dieser Zeit ist auch Reisen aus Not: Die Erfahrung von Emigration und Exil fehlt bei keinem der Dichter außer beim früh verstorbenen Kafka. Sie wirft die Begriffe von Heimat und Fremde um, sodass Thomas Mann 1947, nach Rückkehr aus Amerika, über die Schweiz schreiben kann, sie sei "das Land, nach dem ich durch neun Jahre eine Art von Heimweh gespürt habe". Politische Verhältnisse prägen Reisen und Orte, rauben ihnen die Unschuld. Mit Tucholsky im Gepäck wird man Ostseestrände nie mehr naiv ansehen können. 1922 schreibt er: "Ein herzerfrischender antisemitischer Wind pfeift brausend über den judenreinen Strand des anmutigen Badeörtchens, seine Toiletten sind sämtlich schwarz-weiss-rot angestrichen und mit frommen Wünschen für die Monarchie versehen." Die bittere Note, die Reisen für Juden fortan haben würde, schreibt sich bei Tucholsky und Stefan Zweig fort bis zu ihrer beider Selbstmord im Exil 1935 und 1942.

"Unterwegs mit Kurt Tucholsky", S. Fischer Verlag, 8 €, ISBN 978-3-596-90272-9

Hier nun wird es vollends unverzeihlich, dass über die Lebenswege und -orte gerade dieser Autoren rein gar nichts in den Bänden zu erfahren ist; keine biografischen Daten, kein Nachwort. Nichts hilft, die vielen Dichterworte übers Reisen in den Zusammenhang ihres Lebens (und Reisens) zu stellen. So gut die Idee ist, einmal spannende literarische Texte nicht um einen Ort, sondern um einen Autor herum zu versammeln: Das Fehlen des Kontexts, minimal kompensiert durch vereinzelte Jahresangaben und Zwischenüberschriften, lässt den Leser unzufrieden zurück. Schließlich handelt es sich ja um Bücher, die nicht nur von, sondern auch für unterwegs sind; für Momente, in denen Lexikon oder Gesamtausgabe nicht zur Hand sind.

Dennoch wünscht man sich eine Fortsetzung der Reihe, wäre gern weiter Unterwegs mit… – auch weiblichen Reisenden. In einer Zeit, da wir Vielflieger und Wellness-Jünger geworden sind und die Qualität des Reisens sich nach dem Grad an Bequemlichkeit bemisst, lohnt es sich, auf Stefan Zweig zu hören. Auch "das Unbequeme, das Lästige, das Ärgerliche" gehöre zum richtigen Reisen, meint er. Denn erst dies erfordere den eigenen Einsatz, der die Reise zur möglichen Glückserfahrung mache. "Reisen soll Verschwendung sein, Hingabe der Ordnung an den Zufall, des Täglichen an das Ausserordentliche… Retten wir uns dies kleine Geviert Abenteuer in unserer allzu geordneten Welt."