Andrea Basermann, 50 Jahre alt, Physikerin: Sie arbeitet als Leiterin des Rettungsdienstes beim Deutschen Roten Kreuz in Braunschweig und war mehrfach in Afrika

Als die Wehen einsetzten, regnete es heftig. Die Schwangere lag auf einem Feldbett, unter ihr verwandelte sich der Erdboden in einen See. Ich stand neben ihr und steckte bis zu den Knien im Wasser. Es gab nicht genug Ärzte, also musste ich helfen. Das Baby kam gesund zur Welt. Es war großartig. Ich arbeitete 1996 in einem Flüchtlingslager in Tansania, viele Menschen waren nach dem Bürgerkrieg in Ruanda ins Nachbarland gekommen. Eigentlich sollte ich bei der Trinkwasseraufbereitung helfen, aber alle Mitarbeiter müssen vielseitig einsetzbar sein. Ein Arzt muss auch Straßen bauen können, ein Techniker eine Ausbildung zum Sanitäter absolviert haben. Man weiß nie, was passieren wird und wer wo am meisten gebraucht wird. In Tansania kamen zwei Kollegen ums Leben, bei einem Autounfall. Ihr Rettungswagen wurde von einem afrikanischen Lastwagen gerammt. Es ist hart , immer wieder mit dem Tod konfrontiert zu werden, mit Hunger und Elend. Trotzdem liebe ich diese Arbeit. Zwischen vier Wochen und einem halben Jahr dauert ein Einsatz. Dann werden die Helfer abgelöst. Sobald es ein Erdbeben oder eine Überschwemmung gibt, rechne ich damit, dass ich sofort den Koffer packen muss. Wir bekommen ein Briefing und fliegen in internationalen Teams zu den Einsatzorten, dort leben wir in unseren Rot-Kreuz-Camps. Für Privatsphäre ist dort kaum Platz, man muss sich Tag und Nacht mit den Kollegen arrangieren, aber genau das macht die Arbeit spannend. Zum Glück ist mein Mann auch im Katastrophenschutz tätig. Nicht jeder Partner hätte Verständnis für das, was ich mache.

Annett Werner, 40 Jahre alt, Sozialpädagogin: Sie leitet seit drei Jahren für Pax Christi Aachen ein Projekt für den zivilen Wiederaufbau in Bosnien und Herzegowina

Seit fünfzehn Jahren ist der Krieg nun vorbei, aber von einem inneren Frieden ist Bosnien und Herzegowina noch weit entfernt. Es gibt politische Spannungen zwischen dem serbischen und dem muslimischen Landesteil. Viele Menschen sind traumatisiert, die Arbeitslosigkeit liegt bei 45 Prozent, die Korruption verhindert den Aufschwung. Wir versuchen, den Menschen Perspektiven zu geben. Kriegsveteranen werden bei uns zu Selbsthilfegruppenleitern ausgebildet. Sie bekommen nur eine kleine Rente und brauchen Beistand, damit sie sich zutrauen, einen Job zu finden, und wieder in die Gesellschaft integriert werden können. Außerdem haben wir eine Friedensschule für Jugendliche aus beiden Teilen Bosniens. Sie lernen in Workshops, Konflikte gewaltfrei zu lösen. Zwischen Muslimen und Serben gibt es immer noch Feindseligkeiten. Vorurteile werden von den Eltern an die Kinder weitergegeben. Es ist oft traurig, zu sehen, wie viel Unsicherheit und Angst noch in den Menschen stecken. Ich bin hier, weil ich eine persönliche Beziehung zum Balkan habe. 1994 absolvierte ich ein Praktikum in einem Flüchtlingscamp in Kroatien. Dann habe ich mich beim Forum Ziviler Friedensdienst (ZFD) zur Friedensfachkraft ausbilden lassen. 1997 ging ich zum ersten Mal für Pax Christi nach Bosnien, für drei Jahre. Mittlerweile bin ich mit einem Bosnjaken verheiratet und spreche gut Bosnisch, das schafft Vertrauen bei Einheimischen. Entwicklungshelfer brauchen Geduld. Ich kann nicht erwarten, dass jemand hier Zusagen einhält. Vieles ist unorganisiert. Mit dem Anspruch, in kurzer Zeit alles umzukrempeln zu wollen, kommt man nicht weit.

Verena Jendro, 33 Jahre alt und promovierte Pädagogin: Seit einem Jahr bildet sie für den Deutschen Entwicklungsdienst Lehrer in Afghanistan aus

Die Zusage war ein Schock. Vor der Bewerbung hatte ich mir zwar überlegt, ob ich in Afghanistan arbeiten will, aber erst, als das Angebot kam, wurde mir klar, dass i ch bald in einem Kriegsgebiet leben muss . Natürlich hatte ich Angst. Ich habe aber darauf vertraut, dass es Sicherheitsvorkehrungen geben wird. Ich arbeite in Faisabad. Hier kommt es fast nie zu Kämpfen, aber das Leben ist eingeschränkt. Schwimmen oder ins Kino gehen ist ausgeschlossen. Ich darf auch nicht mit dem Auto irgendwohin fahren. Wenn ich das Gelände verlasse, wird ein Afghane zu meinem Schutz mitgeschickt. Gibt es Alarm wegen Anschlägen, muss ich tagelang in der Wohnung bleiben. Mein Arbeitsplatz ist mit Stacheldraht umgrenzt, der Krieg ist immer sichtbar. Das kann deprimierend sein. Damit ich nicht angestarrt werde, habe ich zuerst eine Burka getragen. Die Afghanen haben gelacht, weil sie darunter die Ausländerin am Gang erkannten, seitdem trage ich nur ein Kopftuch. Im ersten Seminar, das ich halten musste, stellten sich die Männer stur. Sie wollten nicht von einer ausländischen Frau belehrt werden. Ich bringe ihnen bei, wie Gruppenunterricht funktioniert und wie sie erkennen, ob ihre Schüler zuhören. Die Lehrer beten normalerweise Wissen vor, die Klasse spricht alles im Chor nach. Zum Glück hat sich das Misstrauen der Afghanen schnell gelegt. Viele bedanken sich jetzt bei mir, das motiviert mich. Ich darf alle drei Monate für ein paar Wochen ausreisen, um mich in Deutschland zu erholen. Bekäme ich psychische Probleme, dürfte ich jederzeit aussteigen. Mein Vertrag läuft zwei Jahre, bis Anfang 2011. Im letzten Jahr habe ich viel Verständnis für die islamische Kultur entwickelt. Das wird mir helfen, später in einer deutschen Klasse muslimische Kinder zu unterrichten.