DIE ZEIT: Hätte sich die Politik die Reform der gymnasialen Oberstufe sparen können?

Ulrich Trautwein: Die Reform entsprach dem Zeitgeist. Die Unzufriedenheit mit den Schulleistungen, der Druck aus Hochschulen und Wirtschaft, aber auch die demografische Entwicklung machten Veränderungen fast unumgänglich.

ZEIT: Der Umbau hat aber doch seine Ziele verfehlt.

Trautwein: Ja und nein. Die längere Unterrichtszeit und die gleichzeitige Abschaffung von Grund- und Leistungskursen sollten zu besseren Schulleistungen und geringeren Leistungsunterschieden zwischen den Schülern führen. In Mathe hat das auch funktioniert.

ZEIT: Mit minimalen Zuwächsen!

Trautwein: Sie sind nicht groß, aber unbedeutend sind sie nicht.

ZEIT: In Englisch gab es gar keine Verbesserung.

Trautwein: Das hat mich auch am meisten überrascht. Womöglich hat sich am Unterrichtsstil der Englischlehrer weniger geändert als gewünscht. Es ist auch denkbar, dass wir es mit Verdrängungseffekten zu tun haben: Steigt in Mathe das Anforderungsniveau, verwenden die Schüler weniger Lernzeit auf die anderen Fächer.

ZEIT: Wenn wir schon bei unerwünschten Nebeneffekten sind: Gab es weitere?

Trautwein: Die Mehrheit der Abiturienten sagt ja, sie hätten die Oberstufe lieber nach den alten Bedingungen durchlaufen. Leider können wir aber keine Aussagen darüber machen, welche Konsequenzen die Konzentration auf ein paar Hauptfächer für die Nebenfächer hatte: Gab es auch hier Verdrängungseffekte? Ebenso würden wir gern wissen, welche Auswirkungen die Reform auf das Studieninteresse und die Leistungen im Studium hat. Das muss analysiert werden.

ZEIT: Mehr Leistungsdruck und Kontrolle bringen also nicht zwangsläufig mehr Erträge.

Trautwein: Wir müssen hinkommen zu einer größeren Betonung der Selbstständigkeit der Schüler. Wir brauchen Lernformen, die die Verantwortungsübernahme und die Eigeninitiative fördern, ohne Abstriche bei den Leistungserwartungen zu machen.

Die Fragen stellte Jan-Martin Wiarda