Schlechte Stimmung, schwache Zahlen – Seite 1

Manchmal kann Ulrich Trautwein es immer noch nicht fassen. "Ein so tiefer Einschnitt, das Ende eines jahrzehntealten Unterrichtsmodells, und keiner hat’s bemerkt", sagt der Bildungsforscher. Die Rede ist vom Kurssystem der gymnasialen Oberstufe, das bei seiner Einführung Anfang der siebziger Jahre noch als Siegeszug moderner Pädagogik gefeiert wurde. Nach den miesen deutschen Ergebnissen bei der Pisa-Studie und andauernden Klagen der Wirtschaftsverbände über mathematikaverse, leseschwache Schulabgänger hatte die Bildungspolitik vor einigen Jahren die Notbremse gezogen: Seitdem werden die angehenden Abiturienten in immer mehr Bundesländern zumindest in den Hauptfächern wieder wie anno dazumal im Klassenverband unterrichtet, Wahlfreiheit und Profilbildung sind vielerorts auf ein Minimum beschnitten worden. Die erklärten Ziele der Rückwärts-Reform: ein höheres Leistungsniveau und keine Schlupflöcher mehr in vermeintlich leichte Nebenfächer. "Das war der Bologna-Prozess der gymnasialen Oberstufe", sagt Trautwein.

Der Bezug zur spätestens seit den Studentenprotesten umstrittenen Studienreform ist tatsächlich schnell hergestellt: Auch in der Schule geht es um eine vermeintlich größere überregionale Vergleichbarkeit der Abschlüsse, um das Einziehen qualitativer Mindeststandards. Jetzt hat ein Team um den Tübinger Professor für Erziehungswissenschaft erstmals erkundet, ob die Reform die versprochenen Verbesserungen tatsächlich bewirkt hat. Dazu haben die Forscher den Leistungsstand von 5000 repräsentativ ausgewählten baden-württembergischen Abiturienten der Jahrgänge 2002 (vor der Reform) und 2006 (nach der Reform) in den Fächern Mathematik und Englisch verglichen.

Das Ergebnis der Tosca genannten Studie ist ernüchternd: Zwar schnitt der Jahrgang 2006 in Mathematik etwas stärker ab, in Englisch dagegen sind die positiven Effekte nahezu komplett ausgeblieben. Ausgehend von den durch die Bildungspolitik im Vorfeld geweckten Erwartungen, so formulieren es die Forscher in ihrem Bericht, "wird man wohl davon sprechen müssen, dass die Neuordnung ihre Ziele weitgehend verfehlt hat". Hinzu komme die schlechte Stimmung durch die Reform: Die befragten Schüler und Lehrer bewerteten den Umbau der Oberstufe als hochgradig negativ und vermuteten gar eine Verschlechterung der Lernergebnisse. Befunde, die auch die Oberstufenreformer in den anderen Bundesländern aufhorchen lassen: Warum sind die erhofften substanziellen Verbesserungen ausgeblieben?

Über die Antwort können auch die Wissenschaftler nur spekulieren. Möglicherweise habe das im internationalen Vergleich schon vor der Reform sehr hohe Matheniveau baden-württembergischer Abiturienten für eine Deckelung nach oben gesorgt, sagt Trautwein . "Große Zuwächse waren da kaum noch möglich."

In Mathe mag das so sein, für ihre Fertigkeiten in Englisch indes sind die Schulabgänger im Südweststaat weniger berühmt: Raum nach oben wäre hier zur Genüge gewesen. Womöglich, vermuten die Forscher, habe hier eine Rolle gespielt, dass der Anteil der Schüler, die vor der Reform den fünfstündigen Leistungskurs in Englisch gewählt hatten, weitaus höher war als in Mathematik, wo der Großteil der Schüler lediglich den dreistündigen Grundkurs besuchte – mit dem Ergebnis, dass nach der Reform wiederum der vierstündige Fachunterricht für alle logischerweise in Mathematik im Schnitt einen stärkeren Zuwachs an Unterrichtszeit bedeutet. Eine nachvollziehbare Erklärung, die jedoch zugleich den Kern der Reform in Baden-Württemberg und anderswo infrage stellt: Einen Leistungszuwachs durch eine bloße Verlängerung der Unterrichtszeit hätte man auch durch eine weniger schmerzhafte Verlängerung der Grundkurse auf vier Stunden erreichen können.

War der Umbau der Oberstufe am Ende vor allem eine so ärgerliche wie überflüssige Reform? Und folgt jetzt, analog zu Bologna, doch noch der bislang ausgebliebene Aufstand der vermeintlichen Reformopfer? Von Lehrerseite zumindest kaum: "Ich würde die quantitativen Ergebnisse nicht überbewerten", sagt der Ulmer Gymnasialdirektor Bernd Saur, der den baden-württembergischen Philologenverband leitet, die Berufsvertretung der Gymnasiallehrer. "Immerhin sind durch das gemeinsame Lernen der unterschiedlichen Leistungsgruppen die Teamarbeit und gegenseitige Hilfsbereitschaft heute deutlich stärker ausgeprägt, das halte ich für einen bemerkenswerten Fortschritt." Saur, der selbst Englisch unterrichtet und gerade erst wieder die Abi-Klausuren seiner Schüler korrigiert hat, lobt die Qualität der Arbeiten. Thema war die Analyse von Kurzgeschichten aus dem britischen Kolonialzeitalter. "Da sind wirklich tolle Essays dabei. Wer behauptet, unsere Abiturienten hätten nichts drauf, der irrt."

Auch die neue baden-württembergische Kultusministerin Marion Schick (CDU) äußert sich trotz der mäßigen Ergebnisse demonstrativ zufrieden. Das Hauptziel der Reform sei gewesen, die Grundkompetenzen aller Schüler zu stärken, da diese wichtiger seien als Spezialisierungsmöglichkeiten für wenige. "Hier können wir eindeutig Erfolge vorweisen, denn die Streuung der Leistungen in Mathematik und Englisch ist zurückgegangen." Studienleiter Trautwein bestätigt, dass sich der Leistungsabstand zwischen den stärksten und den schwächsten Schülern tatsächlich verringert hat – wenn auch nicht dramatisch. "Der Bauch der Leistungskurve ist dicker geworden, dafür haben die Spitzen etwas gelitten."

 

Was die ausgebliebenen Leistungssteigerungen in Englisch angeht, so räumt die Kultusministerin Klärungsbedarf ein. "Wir müssen uns die Ergebnisse noch genauer anschauen. Hier benötigen wir konkretere Hinweise auf die Wirksamkeit von Lernkonzepten für den Fremdsprachenunterricht in der Oberstufe."

Für Saur, den Chef des Philologenverbandes, klingt das "genauer anschauen" ein wenig wie eine Drohung – eine Drohung mit weiteren Reformen. Umso deutlicher warnt er vor einer Überreaktion als Konsequenz aus den schwachen Zahlen. "Wir brauchen keine weiteren Schnellschüsse im System, sondern Ruhe vor der Herausforderung der doppelten Abiturjahrgänge." Nach 2012, wenn die durchgeschleust seien, sei es immer noch früh genug, die Probleme der Oberstufe zu analysieren und gegebenenfalls nachzujustieren. "Vorher können wir keine weiteren Reformen verkraften!"