Dass eine höhere Macht ihre Finger im Spiel hatte, als Thembi ihren Weg fand, daran besteht kein Zweifel. "Ich habe geweint und Gott gedankt", sagt ihre Mutter.

"Ich glaube, dass Gott mich auf die Deutsche Schule gebracht hat", sagt Thembi. Es ist ein Nachmittag in Soweto im Süden Johannesburgs, Thembis Mutter hat sich ein leuchtend oranges Kleid angezogen, gleich macht sie sich auf den Weg in die Kirche der Brotherhood of the Cross and Star, deren Anführer die Gläubigen den König der Könige nennen. Thembi Tiyane wird später mit ihrer älteren Schwester Milipap, einen afrikanischen Maisbrei, essen und Makkaroni, die sie aus der Schulkantine mitgebracht hat. Sie wohnt in einer Dreizimmerwohnung in gleichförmigen Mehrfamilienhäusern, mit einem Fußballplatz vor der Tür; es ist ein weiter Weg bis an die Deutsche Internationale Schule Johannesburg (DSJ) im Norden der Millionenstadt.

"Wir waren", sagt Thembi, als ein Mitschüler am nächsten Morgen mit dem Konjugieren des Hilfsverbs "sein" nicht mehr weiterkommt. Auf dem Tisch vor ihr liegt das Deutschmobil , die Klasse 9c an der Deutschen Schule hat Deutsch als Fremdsprache. Die 9c gehört zur sogenannten Neuen Sekundarstufe, einem eigenen Klassenzug an der DSJ. Bis zu 25 Schüler aus den Townships im Süden Johannesburgs und von benachbarten Schulen bestehen jedes Jahr einen Eignungstest, der ihnen ab der 5. Klasse den Besuch an der DSJ ermöglicht. Die meisten von ihnen werden von Partnerschulen aus Soweto oder aus Eldorado Park im Süden Sowetos zuvor immer samstags an die Deutsche Schule geschickt, um in Extrakursen vor allem in Englisch und Mathe unterrichtet zu werden – 60 sind das in diesem Jahr. Nicht nur wenn man in göttlichen Kategorien denkt, gehören die Schüler hier zu den Auserwählten.

Mit der Apartheid, sagt Thembi, habe sie eigentlich kaum noch etwas zu tun: "Ich bin Thembi aus dem Hier und Jetzt." Die Geschichte sei nur noch für ihre Kinder wichtig. Die würde sie mit ins Museum nehmen, damit sie wüssten, wo sie herkämen. An der Wand im Klassenraum der 9c hängt ein Plakat mit den Personalpronomen, ihr Tagebuch hat sie mit bunten Bildern ihrer Stars beklebt, Zac Efron aus dem Highschool-Musical-Film. Gleich auf den ersten Seiten hat sie notiert, was sie vorhat mit ihrem Leben. So hart wie möglich arbeiten, um ein eigenes Haus, ein Auto, Geld und eine Firma zu haben, bevor sie Kinder bekommt. Selbstständig sein, anders als die anderen Frauen aus ihrer Familie.

Nicola Hiestermann sitzt im Kunstbungalow der Schule und zeichnet an einer Karikatur des amerikanischen Präsidenten. Sie ist Jahrgangsgefährtin von Thembi, bei ihr zu Hause hängt Zac Efron als Poster an der Wand. Ihr Vater Hein Hiestermann spricht mit seiner griechischen Frau Englisch, er selbst nennt seine Muttersprache "Springbockdeutsch", das Deutsch derjenigen, die vor mehreren Generationen nach Südafrika einwanderten und ihre Sprache konservierten. Um in ihr Zimmer zu gelangen, erklimmt Nicola eine geschwungene Treppe. Der Gegensatz ist groß zu dem Zimmer, in dem Thembi gemeinsam mit ihrer Schwester schläft; auf Decken auf dem Fußboden, weil es nur ein einzelnes Bett gibt.

Es ist die Vielfalt, die heute die Deutsche Schule in Johannesburg prägt. In den Pausen stehen die Schüler unter den Bäumen im weitläufigen Innenhof vor der Kantine zusammen, hier mischen sich Schwarz und Weiß nicht immer. Thembi sagt, dass sie es nicht rassistisch finde, wenn ein Junge aus ihrer Klasse laut "schwarz" genannt würde. Das sei eine Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Gruppen. Nicola erzählt von Klassenfahrten, auf denen sich die Schüler in Teams zusammenfinden, sich gegenseitig helfen, steile Wände zu erklimmen.

Was dem Schulleiter Erich Maria Schreiner trotzdem Sorgen macht: Immer weniger Familien wie die von Nicola Hiestermann schicken ihre Kinder auf die Deutsche Schule. "Es gibt auch Deutsche hier in Joburg, die ihre Kinder in englischsprachigen Schulen anmelden", sagt Schreiner. Zum Teil geschehe das, weil sie nicht mehr gut genug Deutsch sprächen; zum Teil, weil ihnen die DSJ zu akademisch und trotz ihrer vielen Sport AGs zu wenig sportlich ausgerichtet sei. Die Schülerzahlen nicht nur an der Deutschen Schule in Johannesburg sind rückläufig. Mitte der siebziger Jahre gingen einmal 1250 Schüler auf die DSJ – damals noch ohne schwarze Verstärkung, Anfang 1990 waren es noch 1138, in diesem Jahr besuchen 979 Schüler die Deutsche Schule.