Wann habe ich eigentlich gemerkt, dass es Schwierigkeiten geben würde? Erst, wie mir scheint, als es schon zu spät war.

Mein Sohn war knapp elf Jahre alt und besuchte die fünfte Klasse einer Aargauer Primarschule. Elterngespräche zum Thema Übertritt fanden statt. Die Einladung klang harmlos: "Ziel dieses Gesprächs wird es sein, Ihnen unsere Übertrittsempfehlung zu erläutern, aber auch Ihre Überlegungen aus Elternsicht zu erfahren und – soweit möglich – in die Entscheidung einzubeziehen." Die Real- oder Sekundarschule kam für uns nicht in Frage, vor allem weil die meisten Freunde unseres Sohnes auch in die Bezirksschule wollten. Noch Anfang Februar 2008 schrieb ich vertrauensvoll in einer Mail an die Lehrpersonen: "Wir haben Sie beide als gute Pädagogen kennengelernt, die unserem Sohn wohlgesonnen sind und ihn sicherlich auf seinem Weg auf die Bezirksschule unterstützen werden. Wir werden unsererseits dafür sorgen, dass er dort dann auch besteht." Ich sollte bald feststellen, dass ich mich da geirrt hatte.

In der Folge setzten diese Lehrpersonen sowie die ihnen übergeordneten Instanzen und Behörden alles daran, unseren Sohn von der Bezirksschule, auf der sich sein älterer Bruder bereits befand, fernzuhalten. Natürlich waren seine Zensuren nicht herausragend, aber wir Eltern wussten, dass er es packen wird. Aber niemand hörte auf uns. Von "Zusammenarbeit mit den Eltern", wie sie in der Übertrittsverordnung Oberstufe des BKS (Departement Bildung, Kultur und Sport des Kantons Aargau) gefordert wird, konnte keine Rede sein, im Gegenteil. All unsere Argumente für den Übertritt an die Bezirksschule im Nachbarort wurden entweder für "müßig" befunden oder gleich komplett ignoriert. So etwas wie ein Elternbeirat, andernorts selbstverständlich, existiert in unserer Gemeinde bis heute nicht. Wir waren auf uns allein gestellt. Die Sache zog sich über Monate hin. Die Nerven lagen blank.

In all der Zeit wurde unser Sohn, den es doch eigentlich betraf, von niemandem nach seiner Meinung gefragt (außer von uns Eltern natürlich, die wir seine Interessen vertraten). In einer schlaflosen Nacht (ich neige zu nächtlichem Grübeln) kam mir dann eine zunächst abwegig erscheinende Idee: Könnte unser Kind nicht ein deutsches Gymnasium besuchen? Wir wohnen grenznah, die räumliche Distanz stellt also kein Problem dar. Jede Menge Abklärungen waren zu treffen, aber schließlich war es so weit: Unser Sohn absolvierte in Waldshut-Tiengen eine Aufnahmeprüfung, die er mit Bravour bestand. Er musste nicht einmal mehr den mündlichen Teil bestreiten, da ihn seine schriftlichen Leistungen bereits für den Besuch des Gymnasiums unserer Wahl qualifizierten. Die letzten Monate waren eine große Belastung für ihn gewesen; jetzt konnte er endlich aufatmen.

Seit dem Schuljahr 2008/09 ist er nun Gymnasiast, in Deutschland. Er hat sich in kürzester Zeit an seinen neuen Alltag gewöhnt, der eine enorme Umstellung bedeutet: Aus der kleinen Dorfschule kommend, ist er jetzt täglich mit über 1000 Mitschülern konfrontiert. Auch musste er sich in den Sommerferien vor Schulbeginn englisch lernen, eine Sprache, in der bis dahin nie unterrichtet worden war. Unser Sohn hat sich für die zweite Fremdsprache Latein entschieden – ein Fach, in dem er regelmäßig brillante Noten schreibt und das an der hiesigen Sekundarschule nicht angeboten wird. Nächstes Jahr beginnt er mit Französisch. Kurzum: Unsere Beharrlichkeit hat sich ausgezahlt.

Die Geschichte ist aber noch nicht zu Ende. Unser Ältester, der sich 2009 in seinem zweiten Bezirksschuljahr befand, sah täglich, wie gut es seinem Bruder auf dem deutschen Gymnasium ging. Da er sich gleichzeitig in seinem eigenen Schulalltag zunehmend unwohl fühlte, wurde auch in ihm der Wunsch stärker, dorthin zu wechseln. Gerechtigkeitshalber muss ich sagen, dass die Bezirksschule, die wir bis heute für eine gute Schule halten, kaum Schuld an dieser Entwicklung trifft. Eher schon das System per se. Unser ältester Sohn hatte in dieser Zeit fast keine Freizeit mehr. Er radelte morgens bei Dunkelheit zur Schule, und abends kam er bei Dunkelheit heim, wo die Hausaufgaben auf ihn warteten. Dazu kam, dass er von Mitschülern gemobbt wurde und keine echten Freunde fand. Es wurden ihm Hakenkreuze ins Heft und Etui geschmiert – offenbar, weil seine Mutter eine Deutsche ist. Er wurde von Woche zu Woche trauriger, und da zogen wir die Notbremse.