Es ist ein Dienstag im April, und Joseph S. Blatter sitzt fest. Gerne wäre er nach Katar geflogen zu einem geheimen Treffen mit Mohammed Bin Hammam. Der war einst sein Busenfreund, jetzt ist er sein ärgster Widersacher – und als Präsident des stimmgewaltigen asiatischen Fußballverbands wird Bin Hammam dadurch zum ernsten Problem.

Aber wegen eines isländischen Vulkans muss der Präsident des Weltfußballverbands Fifa in Zürich bleiben. Das ist ärgerlich. Denn kürzlich ließ Bin Hammam im kleinen Kreis vernehmen, dass er oder ein anderer Vertreter Asiens nächstes Jahr für die Präsidentschaft kandidieren werde. Im Juni 2011 tritt der 74-jährige Joseph S. Blatter zum dritten Mal zur Wiederwahl an. Er weiß von der drohenden Gefahr, und er versucht seither, Bin Hammam wieder auf seine Seite zu ziehen.

Doch sein Flugzeug klebt am Boden, und es macht sich jene plötzliche Leere in der Agenda breit, die der rastlose Präsident nicht lange aushält. Gut, dass bald der Trubel bei der Endrunde der Weltmeisterschaft in Südafrika beginnt. Sepp Blatter wird in jeder Beziehung davon profitieren.

Im Jahr zwölf seiner Fifa-Regentschaft steht wieder das wichtigste Fußballturnier an. Vom 11. Juni an rollt beim größten Sportereignis der Welt in Südafrika der Ball. Am Ende werden Brasilien, Argentinien, Italien oder Deutschland Champion sein. Wie immer.

Und wie immer wird auch der Walliser Sepp Blatter gewinnen. Dies hängt einerseits mit seiner verschärften Diplomatietätigkeit während solch einer WM zusammen, andererseits damit, dass dieses Großereignis am Kap von Afrika stattfindet. Denn: Joseph S. Blatter, Sohn eines Chemiewerkarbeiters aus Visp, Präsident des mächtigsten Sportverbandes der Welt, ist diese Weltmeisterschaft. Blatter mag Taktiker, Schmied von Pakten und gefürchteter Manipulator sein – im Fall der WM in Südafrika ist er ein Romantiker durch und durch. Darauf ist er stolz und erzählt gleich selber weiter, was ihm Roberto Bettega, ein legendärer italienischer Stürmer, einst zugeraunt habe: "Sepp, tu sei troppo romantico." Sepp, du bist zu romantisch.

Bettega aber irrte sich. Zu romantisch ist dieser Mann nicht. Joseph S. Blatter ist dosiert mitfühlend und emotional kalkulierend. Er ist der erste Fifa-Präsident, der eine WM-Endrunde auf den afrikanischen Kontinent bringt. Gegen alle Widerstände, vor allem aus Deutschland. Das Turnier in Südafrika ist sein persönliches Anliegen. Erst eine Moduskorrektur innerhalb der Fifa hat den Walliser ans Ziel seines Traumes geführt: Blatter selber führte einst die Rotationsregel ein, laut der das WM-Endrundenturnier alle vier Jahre auf einem anderen Kontinent stattfinden müsse – so lange, bis alle sechs Erdteile an der Reihe waren.

Nützen ihm seine Regeln nicht mehr, schafft er sie einfach ab

Er hielt diese Regelung bei, bis Afrika sein Turnier und Brasilien das seine für 2014 in trockenen Tüchern hatte. Seither gilt sie nicht mehr. 2018 werden wieder die Europäer den Zuschlag bekommen, England oder Russland könnten das Rennen machen. 2022 wird die Reihe am asiatischen Verband sein, an Australien oder Katar. Im kommenden Dezember entscheidet dies die Fifa.