Der Walliser Kardinal Matthäus Schiner gehörte Anfang des 16. Jahrhunderts zu den mächtigsten Männern Europas. Sein Trainingsgelände war das damalige Wallis der skrupellosen Familien-Clans, welche mit Intrigen, Räubereien und politischen Hinrichtungen die Bevölkerung terrorisierten. Gestählt durch dieses brutale Höhentraining, machte Schiner eine steile Karriere. Im Jahr 1522 lag der Papstthron zum Greifen nahe, doch der machtbesessene Schiner scheiterte kläglich. Er hatte die Arithmetik der Macht außer Acht gelassen und die frankofonen Kardinäle zu wenig bearbeitet.

Der heutige Fifa-Präsident Joseph S. Blatter hat die zeitlich angepasste Variante des Walliser Höhentrainings absolviert und sich jene roten Blutkörperchen angeeignet, die für Erfolge in tieferen Lagen von großem Vorteil sind. Und er hat aus Schiners kapitalem Fehler gelernt: 1998 triumphierte Blatter über seinen siegessicheren Konkurrenten Lennart Johansson. Mit Versprechungen hatte Blatter die Stimmen aus der Dritten Welt hinter sich geschart und damit das Fundament für sein komfortables Mehrheitsregime geschaffen.

Freilich hat sich seit Schiner im Wallis vieles verändert, doch der Geist der katholischen Alpen-Oligokratie treibt bis heute sein Unwesen. Unter dem Sperrfeuer der katholischen Kirche lehnte der Kanton Wallis die Bundesverfassung 1848, 1872 und 1874 haushoch ab. Das Wallis musste zu Demokratie und Rechtsstaat gezwungen werden. Seither zementieren die christlichen Parteien ein unzimperliches Mehrheitsregime auf der Grundlage eines ungerechten Wahlsystems und einer Medienlandschaft, die mit der Macht der Mehrheit nahezu identisch ist. "Tyrannei der Mehrheit" hat der liberale Staatsphilosoph Alexis de Tocqueville ein solches System genannt.

Blatter hat sich in der Walliser Mehrheits-Demokratur hochgeboxt

Die Walliser Vetternwirtschaft produziert Skandale: Savro, Dorsaz, Leukerbad, Pensionskassen, Autobahn und Glückskette sind nur die bekanntesten. Dazwischen gibt es jede Menge kleinerer Scharmützel. Kein Wunder, wenn heute 71 Prozent der Walliser Uni-Absolventen nicht ins Wallis zurückkehren und dafür die Vetternwirtschaft und Kirchturmpolitik sowie die mangelnde Transparenz und Offenheit auf dem Arbeitsmarkt verantwortlich machen. In der Tat: Wer sich im Gravitationsfeld des Mehrheits-Clans bewegt, kann sich fast alles erlauben; wer die Vetternwirtschaft anprangert, dem werden die Türen im Domino-Takt zugeschlagen. Nötigenfalls tritt die C-Justiz in Aktion, welche erfahrungsgemäß erst vor Bundesgericht zu stoppen ist.

In diesem System der Mehrheits-Demokratur hat sich Blatter hochgeboxt. Sein Vater war Lonza-Arbeiter und gehörte zur kleinen und geschmähten, freisinnigen Partei. Als Wahlhelfer seines Bruders, des ersten freisinnigen Gemeinderats von Siders, kurvte Blatter mit dem Auto durch die Gemeinde und chauffierte Wankelmütige eigens an die Urne. Blatter hat gelernt: Wer im Wallis todsicher gewählt werden will, muss vier Gebote strikt befolgen:

1. Vermeide Argumente, mache Versprechungen!

2. Bearbeite deine Verwandten und Bekannten!

3. Besuche möglichst viele Musikfeste und Ringkuhkämpfe!

4. Tritt niemals aus der katholischen Kirche aus!

Blatter hat dem Walliser Trainingslager rasch den Rücken gekehrt, nicht ohne sich dessen Gesetze der Machterhaltung anzueignen. Heute sitzt der ehemalige Minderheits-Wahlkämpfer an der Spitze des Mehrheitsregimes der Fifa und bekennt freimütig, dass die Fifa keine Demokratie ist und den totalen Konsens nicht zu suchen braucht. Der Vatikan und das Wallis lassen grüßen! 

Der Autor ist Chefredaktor der "Roten Anneliese" in Brig